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„Gefechte dauern bis zu 24 Stunden“

Seedorf. Sprengstoffanschläge, Selbstmordattentate, stundenlange Gefechte: Die Soldaten der Bundeswehr, die sich im Afghanistan-Einsatz befinden oder sich derzeit darauf vorbereiten, müssen am Hindukusch jeden Tag mit lebensgefährlichen Situationen rechnen. Das schildert der Kommandeur des Seedorfer Fallschirmjägerbataillons 313, Oberstleutnant Joachim Hoppe, im 2. Teil des Interviews mit ZZ-Redakteur Lutz Hilken erstaunlich offen. Der Offizier erklärt, warum neben militärischer Ausbildung auch die medizinische und psychologische Betreuung von Bedeutung sind.

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Die in Seedorf verabschiedeten Soldaten müssen in Afghanistan mit außerordentlich hohen Belastungen rechnen. „Wir können nicht sagen, wir haben jetzt ein Gefecht, einen Verletzten oder Toten gehabt und jetzt fahren wir nicht mehr raus: Wir müssen den Auftrag vier bis sechs Monate wahrnehmen , wieder rausfahren und wieder damit rechnen, dass hinter der nächsten Kurve ein Sprengstoffanschlag stattfindet.“ Fotos: lh

Die ersten Seedorfer Fallschirmjäger befinden sich bereits in Afghanistan, weitere folgen Schritt für Schritt im Laufe des Jahres bis zum Herbst. Alle Kompanien werden über ein Jahr verteilt mehrere Monate im Einsatz sein. Wie bereiten sich die Soldaten darauf vor, welche Fähigkeiten werden speziell trainiert?

Der Kernpunkt ist, dass wir befähigt sein müssen, dort zu kämpfen. Natürlich steht das alles unter dem Motto Schutz der Bevölkerung und Hilfe zum Wiederaufbau, Unterstützen der afghanischen Armee. Aber faktisch ist die Lage so, dass wir unsere Männer so ausgebildet haben und weiter so ausbilden müssen, dass sie im Kampf gegen Taliban und irreguläre Kräfte bestehen können.

In Kunduz, dem zur Zeit gefährlichsten Ort in Afghanistan, finden nahezu täglich Gefechte statt. Das sieht so aus, dass es entweder Sprengstoffanschläge gibt – Sprengstofffallen auf den wenigen Wegen, die wir befahren können – und dass es Gefechte gibt in Anbindung an solche Fallen oder Selbstmordattentäter. Dann haben wir mit Taliban oder irregulären Kräften zu tun, in einer Größenordnung von bis zu 100 Kämpfern.

Die Gefechte dauern inzwischen bis zu 24 Stunden. Das ist etwas, was in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit so noch nicht angekommen ist. Aber auf diese Fälle müssen wir uns vorbereiten, es wird dort wirklich gekämpft.

An der Tatsache, dass unsere Vorgängerkontingente bisher eher wenig Verluste haben sieht man, dass die Bundeswehr insgesamt gut aufgestellt ist mit der Ausbildung der Kampftruppen, die wir dort hinschicken.

Ganz gleich, wie sich die Lage in diesem Jahr in Kunduz entwickeln wird: Meine Soldaten werden wie in der Vergangenheit getreu dem Motto unseres Bataillons, „Bereit zu helfen – fähig zu kämpfen“, dort ihren Mann stehen.

Wie sieht die Ausbildung aus?

Konkret gibt es bestimmte Trainingsschritte, die nicht nur in Seedorf, sondern auch bei größeren Übungen stattfinden, zum Beispiel im Gefechtsübungszentrum des Heeres in der Nähe von Magdeburg. Da wird man als Kompanie, als Bataillon in entsprechende Gefechtssituationen gestellt.

Dann werden alle Soldaten speziell für Afghanistan in Dingen unterrichtet, die mit interkultureller Kompetenz zu tun haben. Damit sie wissen, auf welche kulturellen Hintergründe sie dort treffen und wissen, was sie beachten müssen in der Gesprächsführung und in der Zusammenarbeit mit afghanischer Armee, Polizei und der Bevölkerung. Das ist eine breite Palette.

Unser Sozialdienst macht alle Soldaten fit in versicherungs- und versorgungstechnischen Dingen. Wir machen sie fit mit Unterrichten von Psychologen und bilden selbst so genannte „Peers“ aus, Soldaten, Kameraden in den Einheiten selbst, die psychologisch besonders geschult sind, um mit ihren Kameraden, wenn sie Verletzungen, Tod und Verwundung erleben – sei es auf der anderen oder auf der eigenen Seite – gemeinsam diese Dinge besser tragen und besprechen zu können. Denn am nächsten Tag oder in der nächsten Woche müssen die Männer wieder raus – auf Patrouille oder für Kampfaufträge.

Wir können nicht sagen, wir haben jetzt ein Gefecht, einen Verletzten oder Toten gehabt und jetzt fahren wir nicht mehr raus: Wir müssen den Auftrag vier bis sechs Monate wahrnehmen, wieder rausfahren und wieder damit rechnen, dass hinter der nächsten Kurve ein Sprengstoffanschlag stattfindet. Insofern ist es wichtig, diese Dinge psychologisch zu bearbeiten.

Wir haben ein psychosoziales Netzwerk, dass auch in der Vorbereitung schon tätig geworden ist. Dazu zählt der Sozialdienst mit Fragen zur Absicherung und rechtlichen Dingen, dazu zählt der Truppenpsychologe der Brigade mit den „Peers“, die er ausbildet, und auch der Militärpfarrer, der mit uns in den Einsatz geht. Nicht zuletzt zählt dazu auch der Sanitätsdienst.

Alle Soldaten bekommen eine besonders intensive, hochwertige Sanitätsausbildung. Die ist in die Gefechtsausbildung integriert, sodass jeder jedem als Ersthelfer und zum Teil auch auf noch höheren Stufen qualifiziert helfen kann. Da sind wir mit unseren eigenen Sanitätern, die wir selbst als integralen Bestandteil im Bataillon haben, gut aufgestellt.

Haben Sie den Eindruck dass in Sachen Ausrüstung mehr getan werden muss, um die eigenen Truppen besser zu schützen?

Es wird sehr darauf geachtet, dass wir alle erdenklichen Mittel haben, um einerseits einen Auftrag erfolgreich auszuführen, andererseits aber auch möglichst heil zurück kommen. Wir als Fallschirmjäger haben im Kern keine gepanzerten Fahrzeuge. Das hat sich im Einsatz verbessert. Es ist so, dass wir mit dem bestgeschützten Fahrzeug, dass die Industrie uns zur Verfügung stellt, im Einsatz arbeiten.

Einschränkend ist aber zu sagen, dass die optimal geschützten Fahrzeuge für die Kampftruppe nur in begrenzter Stückzahl vorhanden sind. Und die befinden sich größtenteils im Einsatz. Wir können nur wenige Fahrzeuge kurzfristig vor einem Einsatz der Truppe zum Üben geben, die dann kurze Zeit später in Afghanistan damit umgehen muss.

Durch die veränderte Sicherheitslage vor allem in Kunduz, wo wir jetzt hingehen, werden diese Fahrzeuge durch Sprengstoffanschläge, Panzerfaust-Angriffe, Raketenbeschuss zu Schaden kommen. Dadurch ist die Herausforderung noch größer. Denn für kaputte Fahrzeuge werden vorrangig neue Fahrzeuge für den Einsatz beschafft. Die fehlen uns zur Zeit in der internen Vorausbildung. Das ist der Bundeswehrführung bekannt und alle arbeiten mit der Industrie daran, dass wir es schaffen, vor dem Einsatz längerfristig mit den geschützten Gefechtsfahrzeugen auszubilden, mit denen wir tatsächlich im Einsatz arbeiten und eben auch kämpfen.

Wie ist die Lage in Mazar e Sharif, wo ja auch Soldaten der Luftlandebrigade im Einsatz sind?

Afghanistan ist nicht überall gleich gefährlich. In Mazar e Sharif im Hauptquartier ist die Lage deutlich entspannter als in Kunduz. Für Kunduz sind wir bisher gut aufgestellt, weil wir eine gute Gefechtsausbildung absolvieren. Neben geschützten Fahrzeugen ist die beste Grundlage eine gute Gefechtsausbildung.

Von den gut 500 Soldaten, die von meinen 1000 über ein Jahr verteilt in Kunduz sein werden, sind viele einmal oder mehrfach schon in Afghanistan gewesen. Das ist ein Pfund, mit dem wir wuchern können, auch wenn die Einsätze sich verändern, Kunduz kritischer geworden ist. Trotzdem trägt diese Erfahrung. Das ist neben der hervorragenden Gefechtsausbildung ein Fundament, auf das wir bauen können. Gerade die jungen Kameraden, die jetzt zum ersten Mal mit uns in den Einsatz gehen, wissen: In jedem Zug, in jeder Kompanie sind viele einsatzerfahrene Kameraden.

Was tut die Bundeswehr speziell in Seedorf für Angehörige von Soldaten, die vor einem solch gefährlichen Einsatz stehen oder sich im Einsatz befinden?

Auch dieses Feld haben wir im Blick: Wir haben in der Kaserne ein so genanntes „Team Hotel“, also die Heimattruppe: Aus allen Verbänden und Einheiten ist ein Teil noch hier, um den Routinebetrieb weiterzuführen, die nächsten ISAF-Kontingente vorzubereiten und um Ansprechpartner zu sein für die Männer im Einsatz und für die Familien in der Region. Das heißt, man hat einen direkten Draht und Informationsstand von den Familienangehörigen zu uns und dann in den Einsatz.

Wir haben extra eine so genannte Familienbetreuungsstelle eingerichtet, die wir am Standort haben, sodass sich Angehörige 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche an diese Familienbetreuungsstelle wenden können mit ihren Informationen. Umgekehrt kommen Informationen aus dem Einsatz ohne Zeitverzug dort an, wenn Krisenlagen entstehen, wenn es Fragen gibt. Das haben wir speziell für die Dauer des Einsatzes eingerichtet.

Ein kritischer Punkt: Die Bundeswehr hat ein Netz von Familienbetreuungszentren, in denen sich hauptamtliches Personal um Familienbetreuung kümmert. Bevor die Standortentscheidung für Seedorf gefallen war, hat man so ein Zentrum – es gibt davon mehrere, die über die Bundesländer flächendeckend verteilt sind – in Delmenhorst eingerichtet. Dort sitzt also hauptamtliches Personal, das sich nur mit diesen Dingen beschäftigt und für uns zuständig ist.

Unser Bedürfnis wäre eigentlich, nachdem Seedorf hier als Großstandort eingerichtet wurde und wir immer wieder mit zumeist mehreren Hundert Soldaten gleichzeitig nach Afghanistan gehen, dieses hauptamtliche Personal aus Delmenhorst, wo sich keine wesentliche Kampftruppe befindet, nach Seedorf zu verlegen. Da sehe ich Handlungsbedarf.

Aber es gibt Ansprechpartner in der Kaserne.

Wir haben die Militärpfarrer beider großen Konfessionen hier, es sind Psychologen da; es gibt die Betreuungsstelle und jeder Verband hat Teile seines Hauptquartiers hier, wo alle Informationen vom Einsatz von Angehörigen beantwortet werden können.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ich wünsche mir vor allem eines: Dass meine Männer, die jetzt nach Afghanistan gehen und bis März nächsten Jahres dort im Einsatz sind, heil und gesund wiederkommen. Das ist das alles Entscheidende. Egal wohin ich persönlich beruflich dann versetzt werde: In Gedanken werde ich immer in Kunduz sein. (lh)

Zum Thema

In der Selsinger Samtgemeindebücherei findet am heutigen Mittwochabend eine Lesung mit fünf Soldaten statt, die über ihre Erfahrungen aus zurückliegenden Afghanistan-Einsätzen berichten. Die Lesung aus dem Buch „Generation Einsatz“ beginnt um 19.30 Uhr. Einer der Herausgeber ist Oberstleutnant Joachim Hoppe, Kommandeur des Patenbataillons der Samtgemeinde Selsingen.


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Oberstleutnant Joachim Hoppe.
Artikel vom 10.03.10 - 06:00 Uhr
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