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Glücksfälle und untragbare Zustände

Seedorf. Der Abschied naht: Nach zwei Jahren wird der Seedorfer Kasernenkommandant und Kommandeur des Fallschirmjägerbataillons 313, Oberstleutnant Joachim Hoppe, am Donnerstag das Kommando an seinen Nachfolger übergeben. Wie haben sich die Infrastruktur in und außerhalb der Kaserne, aber auch die Beziehungen der Truppe zu den Menschen in der Region entwickelt? Der Offizier stand ZZ-Redakteur Lutz Hilken Rede und Antwort.

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Oberstleutnant Joachim Hoppe ist nicht nur Kommandeur des Fallschirmjägerbataillons 313 in Seedorf, sondern in Nebenfunktion auch Kasernenkommandant . Als solcher kritisiert er, dass die neuen Betreuungseinrichtungen für die Soldaten nach wie vor auf sich warten lassen: „Das ist aus meiner Sicht inakzeptabel.“ Foto: lh

Wo sehen Sie als Kasernenkommandant – rund drei Jahre nach dem Einzug der Bundeswehr – die wichtigsten Baustellen in der Kaserne, um Ihren Soldaten optimale Ausbildungs-, Unterbringungs- und Versorgungseinrichtungen zu gewährleisten?

Die Ausbildungsmöglichkeiten sind insgesamt wirklich klasse geworden innerhalb und außerhalb der Kaserne. Auf dem Standortübungsplatz sind verschiedene Schießbahnen angelegt worden, damit wir unterschiedliche, anspruchsvolle Gefechtsschießen nicht nur mit Platzpatronen durchführen können. Wir haben für diesen Zweck verschiedene Ausbildungsorte geschaffen: zum Beispiel Übungshäuser, in denen wir den Kampf von Raum zu Raum trainieren können oder Orte, an denen wir die Checkpoint-Ausbildung absolvieren können.

Der Standort-Übungsplatz hat sich seit 2007 kontinuierlich weiter gewandelt und ist zunehmend auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten worden, also für die Infanterieausbildung und die Vorbereitung auf Einsätze in Afghanistan. Was auch gut ist: Mit Hilfe des Landkreises und der Gemeinden sind uns Flächen unter anderem in Deinstedt und Westertimke zugänglich zum Üben. Auch der Landtausch im Düngel bei Seedorf ist fast über die Bühne. Von daher sind wir in Sachen Ausbildung außerhalb und innerhalb der Kaserne – mit zweiter Hindernisbahn und tollen Sportmöglichkeiten – sehr gut aufgestellt. Da bin ich sehr zufrieden.

Trifft das auch auf den regionalen Wohnungsmarkt für Soldaten zu?

Was Pendlerwohnungen betrifft: Die Lage hat sich deutlich verbessert, aber auch hier sind noch Wünsche offen. Es wohnen noch Soldaten in der Kaserne, die aufgrund rechtlicher Bestimmungen eigentlich außerhalb der Kaserne eine Wohnung nehmen müssten.

Diese Zahl hat sich seit 2008 aber weiter reduziert. Dennoch gibt es noch Kameraden, denen ich aus Fürsorgegründen gestatte, hier in der Kaserne wohnen zu bleiben – weil sie in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern oder wo auch immer ihre erste Wohnung haben und sich keine zweite Miete neben den Fahrtkosten leisten können.

Positiv ist: Der Wohnungsmarkt ist flexibler geworden, mehr auf die Bedürfnisse der Soldaten zugeschnitten: Es gibt jetzt mehr kleine und möblierte Zimmer. Auch das Anbieterverhalten hat sich geändert. Vermieter lassen zunehmend Wohngemeinschaften zu. Das ist genau das, was wir brauchen. Da hat sich überall in der Region etwas getan.

Es gibt zwar noch Bedarf für Wohnraum, aber der müsste preislich nicht bei 300, sondern eher bei 150 oder maximal 200 Euro liegen. Das ist die absolute Obergrenze, die ein Einzelner, wenn er ohnehin die doppelte Miete zahlt, vielleicht noch tragen kann. Das Problem: Wir als Vorgesetzte können einem potentiellen Bauherrn, der ein Pendlerwohnheim errichten möchte, keine Zusagen geben, dass er mit 50 oder 100 Leuten rechnen kann, die dort einziehen. Denn die Soldaten müssen selbst entscheiden, ob sie bereit sind, solche Angebote anzunehmen.

Das erschwert natürlich die Lage für Unternehmer, die ohne Zusagen und Interessenbekundungen schlecht das Risiko eingehen können, nun viel Geld in die Hand zu nehmen. Insofern ist das ein schwieriger Weg.

Wo sehen die weitere Baustellen innerhalb der Kaserne?

Die haben sich leider nicht grundlegend verändert: im gesamten Bereich der Betreuung. Küche, Offiziers-, Unteroffiziers- und Mannschaftsheim. Da liegt einiges im Argen. Zwei Beispiele: Seit 2007 haben wir eine provisorische Containerküche, einen riesigen Speisesaal mit Warteschlangen. Die geplante Bauzeit für eine neue echte Küche zieht sich voraussichtlich mindestens bis 2015 hin. Dann sind wir schon acht Jahre hier in der Kaserne.

Der andere Punkt ist: Für das Offiziers- und Unteroffiziersheim sollte ursprünglich im Sommer 2008 Baubeginn sein. Der ist seitdem immer wieder verschoben worden. Jetzt ist eine Bauzeit bis 2013 avisiert. Das neue Mannschaftsheim sollte Ende 2008 fertig sein. Dann gab es Mängel in der Bauausführung. Es ist nicht absehbar, wann es genutzt werden kann. Das ist aus meiner Sicht ein untragbarer Zustand.

Uns als Militär sind hier völlig die Hände gebunden, weil es um die Bereitstellung von Finanzmitteln und die Bauausführung geht, auf die wir keinen Einfluss haben. Fakt ist unterm Strich: Wir baden jetzt aus, dass wir damals in eine unfertige Kaserne geschickt wurden. 2013/2015 werden wir von Seedorf aus dreimal in Afghanistan gewesen sein: 2007, 2010/11 und der nächste Einsatz wird 2012/13 kommen. Das heißt, die Soldaten sind dreimal in Afghanistan gewesen und hier in Seedorf ist in der Zwischenzeit kein Gebäude im Bereich Bewirtschaftung und Betreuung fertig geworden. Das ist aus meiner Sicht inakzeptabel. Als Kasernenkommandant bin ich sozusagen das letzte Glied in der Kette und kann selbst keinen nachhaltigen Einfluss nehmen, um die Bedingungen für meine Soldaten zu verbessern. Das ist sehr unbefriedigend. Da fühlt man sich mitunter allein gelassen.

Wie sieht es mit der ärztlichen Versorgung aus?

Wir haben ein Fachsanitätszentrum, in dem eigentlich fünf, sechs Facharztgruppen sein sollten – inklusive Zahnarzt. Auch da ist es so, dass wir nach wie vor nach Rotenburg pendeln müssen, da es hier keinen Facharzt gibt. Das ist ein Bereich, der mit Bundeswehrbürokratie zu tun hat. Das Fachsanitätszentrum ist nicht wie wir Teil der Luftlandebrigade in Oldenburg im Heer, sondern untersteht dem Inspekteur des Sanitätswesens. Das ist ein Bereich, der völlig für sich arbeitet.

Hier greifen die Zahnräder der Transformation nicht ineinander: Heerestruppe hineinbringen nach Seedorf, gleichzeitig adäquate sanitätsdienstliche Versorgung aufzubauen. Das ist bis heute nicht gelungen. Für dieses Fachsanitätszentrum mit den Fachärzten wie Zahnarzt und anderen, die wir eigentlich jeden Tag bräuchten, ist vor 2013 nicht zu rechnen. Das ist sehr unbefriedigend.

Nach zwei Jahren als Kasernenkommandant – wie haben Sie die Zeit am Standort Seedorf und in der Region beruflich und persönlich erfahren?

Sie sehen ein breites Lächeln und ein frohes Gesicht. Ich kann durchweg nur Gutes sagen. Vorweg: Meine Kernaufgabe ist die des Bataillonskommandeurs. Die Aufgabe als Kasernenkommandant ist eine absolute Nebenaufgabe. Die Kernarbeit war die als Bataillonskommandeur eines über 1000 Mann starken Verbandes, der konsequent auf den Einsatz ausgerichtet ist. Das war für mich persönlich eine unheimliche Herausforderung und wunderbare Aufgabe. Ich habe in diesen zwei Jahren fantastische Leute kennen gelernt – auf allen Ebenen, egal ob es der Mannschaftsdienstgrad ist, der Unteroffizier oder der Offizier. Das ist menschlich eine große Bereicherung gewesen. Zum Standort: Die frühe Patenschaft, die wir mit der Samtgemeinde Selsingen unmittelbar nach dem Feyzabad-Einsatz im Januar 2008 geschlossen haben, war für mich und mein Bataillon ein Glücksfall.

Gerade die Verbindung mit Selsingen und den Nachbargemeinden hat sich als besonders herzlich herausgestellt. Drei meiner Kompanien haben demnächst vertiefende Patenschaften mit Orten aus der Samtgemeinde Selsingen – mit Anderlingen, dem Kernort Selsingen selbst und mit Sandbostel. Daran sieht man, dass die Verbindung in den zwei Jahren rapide gewachsen und das Verhältnis inzwischen fest verwurzelt ist. Wir fühlen uns in Selsingen bestens aufgehoben – in vielfacher Hinsicht.

Alle Bürgermeister und der Samtgemeinderat gestalten unsere Patenschaft aktiv mit, wir sehen uns regelmäßig bei Gelöbnissen und vielen anderen Terminen in Selsingen und Umgebung. Man kann definitiv sagen, dass in den letzten beiden Jahren echte Freundschaften gewachsen sind. Mein Nachfolger und mein Bataillon sind hier bestens aufgehoben.

Gerade mit Blick auf den gefährlichen Einsatz in Afghanistan ist das eine tolle Grundlage. Die Menschen fiebern mit, sind im Herzen bei uns, wenn wir gehen. Und wenn wir zurückkommen, werden wir wieder herzlich aufgenommen. Ein echter Glücksfall, den ich selten erlebt habe in meinen 27 Berufsjahren.

Spüren Sie den Rückhalt auch in der Bevölkerung?

Die Unterstützung der Zivilbevölkerung ist glasklar vorhanden. Ich begrüße es aber auch, wenn – wie beim Verabschiedungsappell – demonstriert wird. Denn das zeigt, dass man sich mit dem auseinandersetzt, was von uns Soldaten gefordert wird. Man darf meines Erachtens kritisch fragen, was von uns im Einsatz gefordert wird und ob der Einsatz gerechtfertigt ist. Das ist für mich ein gutes Zeichen, egal ob ich eine positive Rückmeldung aus meiner Patengemeinde oder ob ich eine Demonstration habe – dass man sich mit uns und unserem Auftrag auseinandersetzt und es nicht egal ist, was wir Soldaten am Hindukusch für unser Land tun.

Zur Politik: Wir werden gut unterstützt von dem einen oder der anderen Bundestagsabgeordneten. Staatssekretär Thomas Kossendey und Frau Dr. Krogmann haben gerade im Bereich Familienbetreuung sehr viel für uns getan. Wir konnten in Zeven 40 Ganztagsplätze für Kinder von Angehörigen der Bundeswehr aufbauen. Das hat lange gedauert, aber dafür bin ich sehr dankbar.

Wie sieht Ihre persönliche Zukunft aus?

Ich gehe definitiv mit zwei weinenden Augen, weil es eine unglaubliche menschliche und fachliche Bereicherung war, hier zu sein. Ich habe sowohl meine Leute im Bataillon als auch die Region lieb gewonnen, hätte gut und gerne ein bisschen länger bleiben können. Dienstlich ist es so, dass ich zunächst eine Sprachausbildung absolvieren werde. Danach wird über meine weitere berufliche Verwendung entschieden.

Persönlich steht jedenfalls fest, dass ich hier in der Region definitiv Freunde behalten und sicher wiederkommen werde – dann natürlich in Zivil. (lh)


Artikel vom 09.03.10 - 06:00 Uhr
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