An diesem Platz habe ich als Teenager immer die letzte Pause eingelegt, wenn ich mit dem Fahrrad verrückterweise die 200 Kilometer von Plön nach Bremen geradelt bin. Ohne Führerschein, aber schon mit einer großen Liebe zum Automobil in den Adern. Auf der Erdbeerbrücke geht es über die Weser, und dann sind wir auch bald zu Hause. Es wird schon dunkel. Das war wieder eine schöne Fahrt mit dem offenen Austin Healey 100. Automobil-Lyrik entsteht, wenn man lange genug in ein Bild versinken kann. Es könnte diese schwungvolle Formgebung sein, auf welches die Abendsonne Bremens scheint. Es können aber auch die kleinen schnöden Luftschlitze sein, die der Motor zum Atmen braucht.
Das Spektakel, das beim kräftigen Tritt aufs Gaspedal entsteht, sucht seinesgleichen. Die beiden SU-Vergaser inhalieren zischend die Frischluft durch die Drahtgeflecht-Luftfilter und das verbrannte Gemisch verlässt sonor bollernd den schwach gedämpften Auspuff; dabei stürmt der knapp 1000 Kilogramm leichte Roadster mit Nachdruck über den Asphalt. Hohe Drehzahlen mag der „100“ nicht besonders. Der Vierzylinder klingt schon bei 30000 Umdrehungen pro Minute so unzufrieden wie die meisten modernen Motoren bei Höchstdrehzahl. Dabei schwemmt er den Atem der katalysatorlosen Verbrennung über die geschwungene Seitenlinie des Healey. Selbst bei Stadtfahrten bleibt die Föhnfrisur nicht an ihren ursprünglichen Platz.
Eigentlich gibt es an dieser Stelle noch eine Menge Erlebnisse mit diesem harten Engländer aufführen, aber ich möchte Sie nicht mit zu viel Persönlichem überfrachten. Schließlich sind Sie hier, weil Sie eine Affinität zum alten Blech haben. Und davon gibt es ja auch genug bei diesem Zweisitzer zu berichten. Stellvertretend für alle verrückten Momentaufnahmen hier exklusiv ein intimes Szenario. Bremen. Warum gerade hier hin? Warum gerade mit diesem Auto? Die Frage ist leicht zu beantworten. Bremen ist mein Geburtsort und dieses archaische brettharte Auto ein Traum meiner Jugend – geträumt als Teenager in Bremen-Habenhausen. Mehr Auto braucht kein Mensch, auch heute nicht. Was die englischen Ingenieure vor über 50 Jahren auf die Räder gestellt haben, kann noch immer im Straßenverkehr mitschwimmen - und zwar ganz beachtlich!
Hinter dem Lenkrad des Healey leben klassische englische Roadster-Tugenden auf: ein übersichtliches Cockpit, ohne den Schnickschnack unserer spielfreudigen High-Tech-Gegenwart. Die klassischen Rundinstrumente und das Dreispeichen-Lenkrad mit den gelochten Streben signalisiert jene Art von burschikoser Sportlichkeit, die der Austin Healey 100 im Überfluss besitzt. In diesem Automobil hat Luxus keinen Platz. Natürlich ist er ein Raubein, aber das macht ihn gerade so sympathisch. So gesehen rollt der Austin Healey 100 als Abbild typischer englischer Roadster-Fahrdynamik und in unverwechselbarer Healey-Manier in die Eintönigkeit der gefällig geformten und sehr glatten automobilen Formensprache heutiger Autos. Das Spiel mit dem Wind kann beginnen. Was die Freunde der Limousinen und Coupes nicht wissen: Die Lerchen singen, Flieder und Rapsfelder duften, der Wind haucht wie ein zarter Kuss. Nur der Glückhafte erlebt dieses Schauspiel. Aber auch vereinzelt Frauen mögen diesen zweisitzigen rauen Gesellen, wie mir meine Schwester Ute euphorisch nach der Testfahrt bescheinigt.
Wem sollte es wichtig sein, dass der Roadster 170 km/h schnell ist und die Paradedisziplin von Null auf 100 km/h in 10,8 Sekunden absolviert? Sicherlich nicht dem, der heute für ein gut erhaltenes Exemplar rund 40 000 Euro für diese zwei Logenplätze im Verkehrsgeschehen spendiert.
Ich gehe es gerne gemütlicher an, wozu die Overdrive-Variante durchaus einlädt. Die Straßenlage ist hart, aber gerecht, und mit der fehlenden servounterstützten Lenkung ist man direkt mit der Straße verbunden – in guten wie in schlechten Zeiten. Und treibt man den Healey an, geht tatsächlich was. Gut, in der heutigen PS-geschädigten Zeit sind solche Fahrleistungen schon fast beim Basismodell eines Mittelklasse-Daewoo die Norm. Trotzdem macht dieser Ur-Roadster richtig Spaß – ich werde ein wenig übermütig. Bis sich eine Mücke nicht die Windschutzscheibe als finalen Paukenschlag ihres Lebens aussucht, sondern mir ins Auge fliegt. Das ist sehr unangenehm. Gleich wie die Sitzposition, die an einen Kutschbock gemahnt, denke ich beim Augenreiben neben der Straße an bessere Momente. Die Form des bulligen Engländers finde ich persönlich rustikal gelungen und trotzdem faszinierend. Sie schafft es immer wieder, mich positiv einzustellen, obwohl ich weiß, was beim Einsteigen auf mich zukommt: Meine Einmeterfünfundachtzig irgendwie durch die lächerliche Türöffnung zwängen und falls ich's schaffe, auf gutes Wetter hoffen. Denn bleibt das Dach zu, bleibt mein Kopf in Schräglage. Leider verfügten die Autos zu jener Zeit über keine automatischen Vorrichtungen, die das Fahrzeug topless macht. Der Vorgang, der aus einem Auto eine Vergnügungsstätte unter freien Himmel werden läst, ist ohne Verrenkungen und handwerkliche Grundkenntnisse nicht machbar. Ist das Verdeck erst einmal geschlossen, braucht es seine Zeit zum Wiederöffnen und ein paar abgebrochene Fingernägel und gequetschte Fingerkuppen sind der Preis. Aber das Dach bleibt bei mir eigentlich nie zu. Nebel, Nieselregen und winterliche Temperaturen schrecken kaum. So schlimm ist's heute aber nicht, und ich stelle meinen Kopf erleichtert auf vertikal. Gute Sicht über die Windschutzscheibe hinweg. Und guter, sonorer Turbinensound, der da nach dem Anlassen von ganz weit vorne zu mir dringt. Vier Zylinder tummeln sich in 2,6 Liter Hubraum und leisten dabei 78 PS. Der Vierzylinder bietet aus seinen 2660 ccm Hubraum ein bulliges Drehmoment von 196 Newtonmeter schon bei 2000 U/min.. Immerhin verließen in der Bauzeit von 1953 bis 1955 10 030 Exemplare des Austin Healey 100 die englischen Handwerkstätte und fanden Liebhaber in der ganzen Welt, vorwiegend in den USA.
Das Fahren im Austin erregt Aufmerksamkeit: Von verstohlenem, aber intensivem Hinterhergucken bis zu erhobenen Daumen erlebt man alles. Solchermaßen zur Schau gefahren zu werden ist nicht jedermanns Sache, klar. Allerdings ist man meist mit den Gedanken woanders und einfach am Genießen und achtet sich gar nicht groß auf Leute am Straßenrand und in andern Autos. Und eigentlich ist es ja mehr als positiv, dass es heute noch Auto-Freaks gibt, die nicht die aktuellen Windkanal-Autos als das höchste der automobilen Gefühle betrachten. Der Austin-Healey 100 ist ein reines Spaßauto: es ist hart, laut, unkomfortabel und er heizt seinen Insassen kräftig ein. Die Hitze von Motor, Auspuff und Getriebe macht den engen Fußraum selbst dann zur Hölle, wenn die umklappbare Windschutzscheibe flachgelegt ist und der Healey in seiner offensten Form unterwegs ist.
Wer einmal mit dem Austin 100 Roadster Freundschaft geschlossen hat, bekommt das Lächeln nur noch operativ aus dem Gesicht entfernt. Der Healey ist ein Auto, das sich auf den Landstraßen bedeutend wohler fühlt als auf Autobahnen. Man fährt dieses verwegene unbequeme Automobil in einem Alter, wo mehr die Zigarre die Lippen verbrennt und nicht mehr so sehr die Liebe.
Werben Sie einen neuen Abonnenten und Sie bekommen eine attraktive Prämie.