Die Leiterin der Bremervörder Beratungsstelle des Vereins für Sozialmedizin nimmt die Entwicklung im Landkreis zum Anlass, um auf ein aus ihrer Sicht gesamtgesellschaftliches Problem hinzuweisen. „Was Jugendliche ausdrücken, ist ein Spiegel der Gesellschaft. Die machen etwas, das sie vorgelebt bekommen“, ist sie überzeugt. Diejenigen, die im Krankenhaus landeten, seien dabei nur die Spitze des Eisbergs.
In vielen Familien, zumal auf dem Lande, sei es selbstverständlich, dass Jugendliche ab der Konfirmation Alkohol trinken. „Die müssen eher erklären, wenn sie nicht mittrinken.“ Auch auf Festen im Dorf werde es vorgelebt: „Da muss keiner Schnaps bestellen, es wird unaufgefordert nachgeschenkt.“ Viele Eltern stünden dem Trinkverhalten ihrer heranwachsenden Kinder hilflos gegenüber. Mit Alkohol-Testkäufen oder Discobesuchen in Begleitung von „Erziehungsbeauftragten“ versuche der Gesetzgeber gegenzusteuern. Dabei sei Jugendschutz eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. „Es gehört zum Heranwachsen, zur Adoleszenz, dass Jugendliche sich ausprobieren“, betont die Sozialpädagogin. Die Jugendlichen stünden vor starken Herausforderungen. „Die Frage ist, welche Unterstützung kriegen sie? – und bei ganz vielen Eltern kommt da nicht viel“, berichtet Müller.
Viele Erwachsene sähen ihre Einflussmöglichkeiten nicht oder nähmen sie nicht wahr, weil sie vielleicht selbst aus einem problematischen Elternhaus kommen und Hilfsbedarf haben. In vielen Familien werde kaum noch kommuniziert, seien junge Leute sich selbst überlassen. Wer aber zu Hause Unterstützung erfährt, der entwickelt kein Suchtproblem, ist die Suchtberaterin überzeugt. Dabei wirft sie Eltern nicht grundsätzlich Gleichgültigkeit vor. Sie seien teilweise mit den Herausforderungen des eigenen Lebens schlicht überfordert. „Wer sagt denn da in Vorbereitung auf das Leben mal: ,Halt, stopp‘?‘“, fragt Müller.
Neben Eltern sieht die Sozialpädagogin auch Lehrer und all jene in der Pflicht, die mit jungen Menschen in Kontakt sind. Jugendliche hätten auf dem Land außerhalb der Vereine abends und am Wochenende kaum Möglichkeiten, sich auszuprobieren. „Wer keinen Alkohol trinkt, hat weniger Chancen, mit Gleichaltrigen in Kontakt zu kommen“, weiß Müller aus Gesprächen. Diese Fehlentwicklung gehe uns alle an. Jeder sei gefordert, den Umgang mit Alkohol zu überprüfen. Dabei mache etwa ein Spieleabend mit Tee genauso viel Spaß. Die Suchthilfe wiederum sei gefordert, für Jugendliche spezifischere Angebote aufzustellen. (bz/fs)
