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„Da haben viele Leute weggeschaut“

EitzTe. Auf dem Campingplatz „Wittenhof“ in Eitzte hat eine 75-jährige Frau unter Bedingungen gelebt, die kaum zu beschreiben sind. Da ihr kleines Holzhaus bis zum Rand voll gemüllt war, lebte sie in den vergangenen Wochen vor ihrer Bleibe – unter einem Vordach, vor der Kälte nur durch Planen geschützt und umgeben von Abfall. Am Dienstag wurde die entkräftete Frau von Rettungskräften ins Zevener Martin-Luther-Krankenhaus eingeliefert.

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„Jenseits des Vorstellbaren“: Der Titel eines Buches, das auf dem „Müllberg“ vor der Hollywoodschaukel liegt, in der die 75-Jährige im Unrat hauste, beschreibt treffend die Szenerie in Eitzte . Fotos: bz/alg

Die Einsatzkräfte von DRK, Polizei und Feuerwehr waren von der Szenerie gleichermaßen geschockt. „So etwas haben wir noch nie gesehen und auch nicht für möglich gehalten“, äußerten sich erfahrene Rettungsassistenten und Polizeibeamte unisono.

Die Frau, die schon seit Jahren auf dem Campingplatz „Wittenhof“ lebt, habe in einem völlig verwahrlosten Zustand im Freien auf einer Hollywood-Schaukel vor ihrer Unterkunft gelegen – umgeben von einer endlosen Menge Müll. Das Holzhäuschen, ebenfalls bis zur Hüfte voll mit Müll, sei nicht mehr zu betreten gewesen.

Nur ein Plexiglasdach über ihrem Kopf und Seitenwände aus Zeltplane schützten die Seniorin, die bei der Einlieferung ins Krankenhaus Bisswunden von Ratten aufgewiesen haben soll, vor der Witterung. Darüber hinaus sollen Verpackungsreste von Lebensmitteln in ihre Haut eingewachsen gewesen sein.

Nach Informationen unserer Zeitung wurde das Kreisgesundheitsamt Ende November per Telefon auf die Lebensumstände der Seniorin hingewiesen. Daraufhin sei etwa einen Monat später, so gestern Gesundheitsamtsleiter Dr. Frank Stümpel, ein Mitarbeiter der Behörde nach Eitzte gefahren und habe sich vor Ort informiert.

Aufgrund dieses Eindruckes sei Mitte Januar ein Antrag auf „Anregung der Einrichtung einer Betreuung“ ans Amtsgericht Bremervörde geschickt worden. Die Frage, ob der betreffende Mitarbeiter nicht sofort hätte reagieren und die Frau in eine Klinik einweisen lassen müssen, ließ Stümpel mit Hinweis auf die ärztliche Schweigepflicht unbeantwortet. Grundsätzlich sei es eine „Ermessungssentscheidung“, einzuschätzen, ob eine Person für sich selbst entscheiden könne oder nicht.

Am 18. Januar habe das Gericht einen Mitarbeiter des psychiatrischen Dienstes beauftragt, ein Gutachten über den Zustand der 75-Jährigen zu erstellen. Zu diesem Zeitpunkt habe es vom Gesundheitsamt keine Hinweise auf eine „Eilbedürftigkeit“ gegeben, sagte der zuständige Richter Stefan Tomczak. Am Dienstag habe der Gutachter ihm mitgeteilt, dass die Frau vor Ort nicht „begutachtet“ werden könne und „dringender Heilungsbedarf“ vorliege. Also habe sich der Richter um 13.30 Uhr mit dem Gutachter in Eitzte verabredet. Nach einem erstem Augenschein habe er sofort veranlasst, dass eine Notärztin alarmiert und die Frau ins Krankenhaus verbracht wurde, sagte Tomczak.

Aus dem Kreis der Einsatzkräfte war gestern mehrfach die Frage zu hören, wieso niemand früher erkannt habe, in welch bedrohlicher Lage sich die Frau befand. „Da haben viele Leute einfach weggeguckt“, hieß es. Nach Informationen unserer Zeitung soll die Rentnerin regelmäßig Kontakt zu Angehörigen gehabt haben. Und sie soll regelmäßig mit Lebensmitteln beliefert worden sein.

In den nächsten Tagen soll untersucht werden, ob die 75-Jährige unter Betreuung gestellt werden muss oder ob sie in der Lage ist, ihr Leben eigenständig zu meistern. (bz/rkl)


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Im gemieteten, kleinen Holzhaus der Seniorin stapelt sich der Müll hinauf zur Küchenarbeitsplatte.
Artikel vom 26.01.12 - 12:00 Uhr
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