
Sie haben 24 Monate Zeit, um ein Touristikkonzept für die Samtgemeinde Selsingen zu erstellen. Was ist in den ersten sechs Monaten geschehen?
Im Moment erledige ich viel Basisarbeit. Ich verschaffe mir einen Überblick über die touristischen Angebote und über die Potenziale. Mein Ziel ist zunächst die Basis zu legen, eine Struktur zu erarbeiten, eine „Corporate Identity“ zu erstellen – damit ich am Ende der 24 Monate wirklich sagen kann: Selsingen als Tourismusregion ist – das und das und das, wir haben folgende Angebote, um das Angebot kurz und knapp zu vermitteln. Im Februar habe ich dafür Bürgermeister interviewt, sie losgelöst vom Tourismus über Stärken und Schwächen in ihren Gemeinde befragt.
Momentan kommt Hanni Hase dazwischen, wo ich als Tourismusberaterin gefragt bin. Ich habe mich zum Beispiel um die Gestaltung des Flyers in Zusammenarbeit mit einer Agentur gekümmert. Weil Hanni Hase bisher immer aus dem Kopf heraus organisiert worden ist, es nichts Schriftliches zur Organisationsstruktur gibt, ist es ein weiteres Ziel, Hanni Hase als Konzept zu verfassen, damit auch Neulinge wissen, was sie machen müssen, wenn sie die Organisation übernehmen. Das alles hat viel Zeit gekostet in den letzten zwei Monaten.
Hanni Hase ist ein Aushängeschild für die Region. Gilt es dieses mehr als bisher zu vermarkten?
Hanni Hase hat noch unheimlich viel Potenzial, um die gesamte Samtgemeinde mit einzubeziehen, sodass es nicht nur ein punktuelles Fest wird, sondern alle etwas davon haben – die Ostereistedter nicht nur die Last zu tragen haben, sondern auch einen Nutzen daraus ziehen können. Daran feilen wir jetzt. Wir haben verschiedene Ideen. Die Umsetzung wird wahrscheinlich im nächsten Jahr beginnen.
Sehen Sie neben Hanni Hase weitere Angebote, aus denen sich touristisch mehr machen ließe?
Das ehemalige Kriegsgefangenenlager Sandbostel ist ein absolutes Highlight – wobei es schwierig ist, es als Tourismus- oder Urlaubsprodukt zu vermarkten, weil eben die dunkle Geschichte damit verbunden ist.
Auch die Steinerlebnisroute für das Radwandern hat ein tolles Konzept. Anfangs hatte ich gedacht, wie passen Stein und Erlebnis zusammen? Denn nichts ist so tot wie ein Stein. Aber die Route ist spannend gemacht und die Steine haben tatsächlich viel zu erzählen. Ein anderer Höhepunkt ist die Natur: Die Oste zum Beispiel. Wobei es da den Konflikt gibt zwischen dem Tourismusangebot und dem Naturschutz. Die Oste ist ein Pfund, mit dem man wuchern könnte, wäre es nicht ein sensibles Naturterrain. Hier besteht die Herausforderung, wie man den Tourismus in einem erträglichen Rahmen hält. Die ganze Oste-Niederung ist ja wunderschön.
Für mich ist es eine Aufgabe, im Rahmen der „Corporate Identity“ zu gucken, wo das Alleinstellungsmerkmal liegt. Die schöne Natur ist kein Alleinstellungsmerkmal. Hanni Hase in Ostereistedt ist ein solches – aber nur zu Ostern relevant. Meine Suche ist also noch nicht abgeschlossen.
Wo sehen Sie Möglichkeiten, das Freizeitangebot zu bündeln und besser zu vermarkten?
Momentan sieht es so aus, dass es viele bunte, touristische Angebote gibt, die wahrscheinlich – mal hier und da – aus kreativen Ideen entstanden sind. Ich habe das Gefühl, als wenn die derzeitigen Angebote ein Eigenleben führen, losgelöst vom Ganzen. Das muss sich ändern. Ich setze da ganz auf das Ergebnis der „Corporate Identity“. Daran werden die jetzigen Angebote gemessen und entweder modifiziert angeboten oder aus dem Programm genommen.
Es hängt sehr von der Basisarbeit ab. Zu sehen: was ist gut, was kann man besser machen, was hat sich nicht bewährt. Das Pferd darf nicht von hinten aufgezäumt werden. Ich fange ganz von vorne an. Damit wird das Angebot gebündelt und auf einen zentralen Punkt ausgerichtet. Die Vermarktung wird dann auch in engerer Kooperation mit dem TouROW vorangetrieben.
Welche Entwicklungschancen sehen Sie in der Samtgemeinde?
Wir sind eine Inlandsregion im Landkreis. Ich würde Selsingen als Geheimtipp und kleines Juwel sehen. Klein, aber fein. Ich finde es total schön hier, es gibt tolle Ecken. Es gibt viel zu entdecken. Wir wollen keine Massen hier haben, wir wollen gut ausgelastet sein, damit sich die Gäste die Klinke in die Hand geben – aber eben nicht so, dass es belastend wird. Sanfter Tourismus, der einfach ausgeglichen bleibt.
Gerade in der Landwirtschaft suchen Betriebsinhaber häufig ein weiteres Standbein. Halten Sie das Angebot Ferien auf dem Bauernhof für ausbaufähig?
Absolut. Wenn der Hofbesitzer ein Herz für Gäste hat, dann ist das Erfolg versprechend. Wenn er aber einfach nur eine Ferienwohnung baut, wird er keinen Erfolg haben. Gäste kommen wieder, wenn sie Familienanschluss haben. Sie möchten sich unterhalten, in das Geschehen eingebunden sein. Da kann ein Landwirt nicht sagen, dass jemand stört in der täglichen Arbeit. Der Gast muss willkommen sein. Wenn der Hof, der ganze Betrieb dem Gast geöffnet wird und authentisch ist, dann funktioniert das. Auch der Qualitätsstandard in der Ferienwohnung ist wichtig. Die Ausgewogenheit zwischen Qualität und dem Landleben muss stimmen.
Würden Sie weiteren Landwirten in der Region raten, Ferienwohnungen anzubieten?
Ja. Urlaub auf dem Bauernhof kommt wieder, ist total populär. Ich würde dazu raten, dass Interessierte sich an den DLG-Standards mit Sterne-Qualifizierung anpassen und gucken, in welcher Kategorie sie ihre Gäste haben möchten und sich qualifizieren zu lassen, denn das ist ein deutschlandweiter messbarer Standard. Wer keine Sterne hat, der bekommt schwieriger Gäste.
Welche Widerstände haben Sie im Zuge Ihrer Arbeit zu überwinden?
Die Leute an einen Tisch zu bekommen und die Bevölkerung mit ins Boot zu holen. Das ist aber kein Widerstand, sondern es ist hier noch keine Arbeit geleistet worden. Was nützt es, wenn ein Gast kommt und sich nicht wohl fühlt, weil er das Gefühl hat, nicht willkommen zu sein? Gastfreundschaft ist wichtig. Die Dorfbevölkerung schnackt hier und schnackt dort, aber wenn man als Fremder dazwischen steht, kann man sich sehr schnell ausgeschlossen fühlen. Gastfreundlichkeit muss in den Vordergrund treten und sich auch in den Köpfen durchsetzen.
Das erfordert helfende Hände.
Es ist eine Aufgabe des Landtouristikvereins, sich bekannt zu machen. Wir sind der Tourismus-Dienstleister in der Samtgemeinde. Wir bieten viel, brauchen aber auch Hilfe. Wir sorgen dafür, dass die touristische Infrastruktur gebaut wird. Davon haben auch die Gastgeber und Vermieter etwas. Denn welcher Gast kommt nur, um sich dort ins Bett zu legen? Urlauber wollen Fahrrad fahren, etwas Schönes machen. Hier muss die Verbindung zwischen Gastgebern und Landtouristik geknüpft werden. Wir betreiben die Website, wir machen die Flyer, wir treffen uns mit dem TouROW in Rotenburg, verknüpfen uns in der Region, bauen ein touristisches Angebot für Gäste auf.
Es ist eine Aufgabe des Landtouristikvereins, dieses mehr ins öffentliche Bewusstsein zu bringen, sich mehr anzubieten, damit Anbieter wissen, was Landtouristik macht. Wir würden uns auch Gästezimmer anschauen und sagen, wie die Qualität gesteigert werden kann. Vermieter können ihre Hausflyer in das „Corporate Design“ einbinden, damit die Werbung einheitlich wird und kein Flickenteppich bleibt.
Ein Blick in die Zukunft: Wo möchten Sie nach zwei Jahren stehen?
Meine Idealvorstellung ist, dass wir wirklich sagen können: ,Die Samtgemeinde Selsingen als Tourismusregion ist:...' Ein kurzer Satz, vielleicht ein prägnantes Motto. Ein Schlagwort: Das ist Selsingen, um etwas Handfestes zu haben – und qualitativ hochwertige Angebote, die sich in dieses Bild fügen, in die Region passen. Wir werden eine neue Website haben, sämtliche Flyer im einheitlichen Design haben, mehr Öffentlichkeitsarbeit machen und die Kooperation mit den Gastgebern schaffen, das wünsche ich mir. Dass wir eine Anlaufstelle werden für alle Fragen – sei es in Bezug auf Flyer oder freie Betten.
