
Klar weiß er, wo das Buch steht. Wilfried Fischer geht zielstrebig zum Regal, greift zu einer Willy-Brandt-Biografie, lächelt und sagt: „Der war eine Leitfigur.“ Eine, die ihn für die SPD einnahm. Brandts Sinn für Gerechtigkeit, sein Pochen darauf, dass Herkunft in einer sozialen Gesellschaft keine Rolle spielen dürfe, seine Ostpolitik – all das hat den jungen Wilfried Fischer beeindruckt.
Doch bis aus Überzeugung parteipolitisches Engagement wurde, dauerte es. Erst 1989 trat Fischer der SPD bei. Damals lebte der gebürtige Hannoveraner schon seit gut 20 Jahren in Tarmstedt und hatte so manche Demo hinter sich. Als Student war er in der Landeshauptstadt gegen den Vietnamkrieg und die katholische Kirche auf die Straße gegangen, später in Tarmstedt gegen den NATO-Doppelbeschluss und für den Frieden.
Die Mittel, zu denen er dafür griff, reichten von Reisen gen Osten über gesellige Abende bis zu Vortragsveranstaltungen und – immer wieder – interne Diskussionen über alle Ebenen der Politik. „Ich bin immer froh, wenn ernsthaft über Politik gesprochen wird. Eigentlich müsste man ständig darüber diskutieren“, sagt er. Eine Einstellung, die wohl im Elternhaus wurzelt. Fischers Vater war Handwerker ohne ein Parteibuch aber mit Interesse an dem, was die Mächtigen trieben. So erinnert sich Wilfried Fischer gut daran, dass etwa die deutsche Wiederbewaffnung nach dem Krieg zuhause auf deutliche Ablehnung stieß.
Dem Ortsverein, dessen Zuständigkeitsbereich die komplette Samtgemeinde Tarmstedt umfasst, hat die Debattierfreude ihres Vorsitzenden nicht geschadet. Zumindest liegt die Mitgliederzahl seit Jahren einigermaßen konstant bei 55. Darüber zu klagen, dass es nicht mehr sind und werden, habe aus seiner Sicht keinen Zweck, sagt Fischer. „Wer Lust hat, der soll kommen“, doch sei das Arbeitsleben von heute nicht dazu angetan, Engagement zu fördern. Da gebe es keinen Unterschied zwischen Parteien und Vereinen.
Wer diese Aussage als Resignation deutet und glaubt, dass Fischer deshalb nicht mehr Vorsitzender sein will, irrt. Er merke einfach, dass die Kondition nachlasse. Immerhin hat er auch als Pensionär noch genug andere Dinge zu tun. So leitet Fischer die örtliche Seniorengruppe der Lehrergewerkschaft GEW. Außerdem rezensiert er Kinderbücher für ein GEW-Magazin, besucht er regelmäßig seine drei Enkelkinder und verreist er gern mit seiner Frau Petra. Dafür, dass ihn die Politik auch weiter in Atem halten wird, sorgt zudem ein Mandat – Fischer sitzt in der zweiten Wahlperiode im Samtgemeinderat. Da gibt es aus Sicht der Genossen noch einiges zu tun. Anders als im Tarmstedter Gemeinderat sind sie dort nämlich immer noch schwächer als die CDU.
Darüber, wie sich das ändern ließe, kann sich Fischers Nachfolger als Ortsvereinsvorsitzender Gedanken machen. Der Vorstand will für die Wahl am Dienstag den bisherigen Stellvertreter Axel Kemna vorschlagen.
