
Wie groß das Interesse an Informationen ist, die einen Blick hinter die täglichen Schlagzeilen werfen, zeigte der bis auf den letzten Platz belegte Raum im Mehrgenerationenhaus. Heidrun Scheller hat vor über einem Jahr begonnen, sich mit den Menschen in Afghanistan und ihren Lebensbedingungen zu beschäftigen. Damals reiste ihre Tochter Bente nach Kabul, um dort die Leitung des Büros der Heinrich-Böll-Stiftung zu übernehmen.
Kennzeichnend für das Leben in der Stadt sei auf den ersten Blick vor allem das hohe Sicherheitsbedürfnis ihrer Bewohner. „Bevor ein Haus neu gebaut wird, wird erst mal eine hohe Mauer errichtet“, erzählte Heidrun Scheller. Wächter sorgen dafür, dass keine Unbefugten das Grundstück betreten und niemand erfährt, wer in dem Haus wohnt. Diese Abschottung sorgte zu Zeiten der Taliban dafür, dass vor allem die Frauen absolut isoliert lebten. Obwohl es heute keine Pflicht mehr ist, gehen viele Frauen nicht ohne den verhüllenden Schutz der Burka aus dem Haus, denn noch immer leben Frauen in der afghanischen Gesellschaft gefährlich. Sie sind ihr Leben lang absolut abhängig von einem männlichen Versorger. Er garantiert ihnen Sicherheit und ihr Überleben ebenso, wie er darüber entscheidet, ob sie die Chance auf Bildung bekommen. Laut statistischen Erhebungen sind immerhin 85 Prozent der Frauen in Afghanistan Analphabeten, informierte Heidrun Scheller. Dabei sei das Bedürfnis nach Bildung sehr groß und entsprechende Angebote werden von vielen Frauen motiviert angenommen.
Da das Schulgeld der staatlichen Schulen für arme Familien nicht aufzubringen sei, werden inzwischen immer mehr Privatinitiativen ins Leben gerufen, die gerade diesen Kindern die Möglichkeit geben, lesen und schreiben zu lernen. Besonders hob Heidrun Scheller die Initiative des Bundeswehrarztes Dr. Reinhard Erös und seiner Familie hervor, die in den letzten Jahren vor allem im östlichen Afghanistan zahlreiche Schulen und Gesundheitszentren eingerichtet haben.
Die Armut großer Teile der städtischen Bevölkerung sei groß und betreffe vor allem Frauen und Kinder. Frauen dürften in Afghanistan zwar mittlerweile auch eine Schule oder Universität besuchen, eine Arbeit ausüben und wählen, aber gerade eine umfassende Ausbildung sei häufig ein Privileg der bürgerlichen Schicht.
Ihre Tochter habe die Menschen in Kabul als fröhlich kennen gelernt. Das Interesse dort an anderen Kulturen sei großen, sagte Heidrun Scheller. Ein wichtiger Teil des afghanischen Alltags seien die gemeinsamen Mahlzeiten und vor allem am Wochenende gehöre eine üppige Mahlzeit zur beliebten Tradition. Bequem auf Teppichen und Kissen sitzend würden viele verschiedene kleine Gerichte genossen. Am Dienstagabend durften dann auch Heidrun Schellers Zuhörer die eine oder andere süße afghanische Leckerei probieren. Es gab Krachmandeln, grüne Rosinen und gezuckerte Mandeln, die zum Süßen des starken Tees genommen werden.
Sie habe durch ihre Tochter eine ganz andere Seite dieses Landes kennen gelernt und es als sehr faszinierend empfunden, schloss Heidrun Scheller ihren Vortrag. (he)
