Zum Thema der Auftaktveranstaltung „Rette sich, wer kann! – Soziale Gerechtigkeit oder freies Spiel der Kräfte?“ begrüßte Superintendent Wilhelm Helmers auf dem Podium Dr. Christoph Künkel, Direktor des Diakonischen Werkes der Landeskirche Hannover, Dr. Gérard Bökenkamp vom Liberalen Institut der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung und Markus Pragal, Sozialdezernent des Landkreises Rotenburg.
Zu Beginn verwies Dr. Gérard Bökenkamp auf die gravierenden gesellschaftlichen und politischen Veränderungen der letzten Jahrzehnte. Da sei der Wandel von einer Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft. Als weiteres erinnerte er an die immens hohe Staatsverschuldung ohne den gleichzeitigen Abbau dieser Lasten. Dazu komme das „Damoklesschwert“ des demografischen Umbruchs und schließlich die stetig gestiegenen Ansprüche an die staatlichen Leistungen. Hier mache der Staat Versprechen, die realistisch betrachtet nicht eingehalten werden könnten, so Dr. Bökenkamp.
Dr. Christoph Künkel behauptete, dass die Frage nach sozialer Gerechtigkeit aus der politischen Diskussion gänzlich verschwunden sei. „Dieser Begriff ist zu unspezifisch und eigentlich nicht definierbar.“ Daher wage kaum jemand, ihn zu gebrauchen, so der Theologe. Wo es ungleiche Verhältnisse gebe, müsse es aber die ausgleichende Gerechtigkeit geben, etwa die Chancengleichheit in Bezug auf Nahrung und Bildung. Dabei sei die Partizipation, also die Einbeziehung der Betroffenen, besonders wichtig.
Aus seiner beruflichen Praxis berichtete der Sozialdezernent des Landkreises, Markus Pragal, dass er relativ häufig auf die Einstellung stoße, dass die staatlichen Gelder zum Lebensunterhalt als eine Art bedingungsloses Einkommen betrachtet werden. Für die gestiegenen Ansprüche werde seiner persönlichen Meinung nach zu viel Geld ausgegeben, das dann an anderer Stelle fehle. Daneben sei festzustellen, dass immer mehr staatliche Hilfen für die Kindererziehung angefordert werden. „Die Familien und die Gesellschaft haben sich in so hohem Maße gewandelt, dass viele Menschen inzwischen Hilfe brauchen, um ihr Leben zu bewältigen“, so Pragal. Er forderte auch, dass der finanzielle Abstand zwischen denen, die arbeiten und denen, die nicht arbeiten groß genug sein sollte. „Wer arbeitet muss auch davon leben können.“ Eine Zuhörerin bemerkte daraufhin, dass sich die Löhne in den vergangenen Jahren in einer deutlichen Abwärtsspirale befänden und ein Mindestarbeitslohn den Wert einer Arbeit bestätigen würde.
Dr. Christoph Künkel ergänzte, dass gerade im Dienstleistungsbereich, speziell bei der ambulanten Pflege, die Firmen, die tarifgebunden entlohnen, im Vergleich zu den privaten Firmen kaum noch konkurrenzfähig seien.
Gerade in diesem Niedriglohnsektor sei es dann für die Arbeitnehmer oft nur mit zusätzlicher staatlicher Hilfe möglich, ihr Auskommen zu sichern. Letztendlich sei es ja auch die Frage, so Wilhelm Helmers, ob es denn nur die ökonomische Gerechtigkeit sei, die eine Rolle spiele. Ebenso wichtig sei es auch, Menschen ohne oder mit geringem Einkommen nicht auszugrenzen und sie am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu lassen.
