
Warum möchte sich eine junge Frau mit dem Gewehr stundenlang auf die Pirsch legen? Anne Michaelis lacht. „Das ist genau das, worum es mir in der Hauptsache nun so gar nicht geht.“ Gemütlich sitzt sie auf ihrem Sofa und schaut zu, wie ihre Töchter Tomke (6) und Lucy (8) eine genüsslich brummende Alma vor dem Ofen kraulen. Alma ist ein Deutsch-Kurzhaar, eine siebenjährige, aufgeweckte Jagdhündin.
Die Wahl-Zevenerin Anne Michaelis stammt gebürtig aus der Nähe von Trier. „Aufgewachsen bin ich in einem Dorf an der Saar, ganz ländlich, am Waldrand. Draußen war ich schon immer gern. Das ist hier in Zeven immer noch so, wir lieben die Natur“, erzählt sie.
In ihrem Familien- und Bekanntenkreis gibt es etliche passionierte Jäger. Doch das war nicht der eigentliche Grund dafür, dass sie seit längerer Zeit mit dem Gedanken gespielt hatte, selbst den Jagdschein zu machen. „Die Natur ist so wunderbar spannend, das wird mir jedes Mal wieder bewusst, wenn ich draußen bin, und auch meine Mädchen lieben sie. Sie haben viele Fragen – die ich herzlich gern ein wenig umfassender beantworten können würde. Rund um die Tier- und Pflanzenwelt vor unserer Haustür gibt es Tolles zu erfahren“, da ist sich Anne Michaelis nach einigen Unterrichtsstunden noch sicherer als zuvor.
Ihre Augen strahlen, als sie von den ersten Theoriestunden nebst ausgiebigen Reviergängen erzählt. Zudem, sie isst gern gutes Fleisch, und beim für den Eigengebrauch selbst erlegten Tier wissen Jäger ziemlich genau, was es vorher gefressen hat. „Ein Reh ist selbst ein Feinschmecker, zupft zumeist die feinsten Knospen, unglaublich delikat“, erklärt sie, und wichtig ist ihr außerdem: „Wir verwerten fast alles.“
Stundenlang auf dem Hochsitz auf Wälder und Felder sehen, mag sie ebenfalls – ohne Gewehr. Oft hat sie einfach die Ruhe und den Blick genossen. Überhaupt weiß Michaelis noch nicht, ob und wann sie selbst auf Lebendiges schießen wird. „Das steht für mich nicht an erster Stelle, außerdem muss ich erst so zielsicher sein, dass ich das mit mir und meinen Fertigkeiten verantworten kann“, unterstreicht sie.
Ein insgesamt wirklich großes Arbeitspensum – und zeitintensiv. „Ich habe gelernt, dass man seine Zeit nutzen sollte, Wünsche verwirklichen und nicht lange aufschieben. Meine Töchter habe ich vorher um Erlaubnis gefragt, denn bis zum Lehrgangsende im April bin ich ja nun doch öfter weg und muss auch zu Hause lernen – sie haben mir grünes Licht gegeben. Es ist toll, und wir haben auch schon viele spannende Nachmittage zusammen bei Pflanzen- und Tierkunde gehabt.“ Bäume, Böden, Waldaufbau und -ränder, Blühstreifen, Insektenwelt, ein Zusammenspiel von Jägern und Landwirten in Sachen Hege und Pflege, das Projekt Jagdschein ist weit mehr, als vielleicht oberflächlich angenommen.
Besonderen Genuss erleben die 18 aktuellen Lehrgangsteilnehmer – darunter sechs Frauen – auch beim Thema „Jägerlatein“. In der Sprache der Jäger wissen Versierte genau, was Lunte (Fuchsschwanz), Lichter (Augen), Teller (Schweineohren) und Windfang (Nase) meint.
