Thriller-Titan mag Rituale
Hamburg. Zwei Dutzend Bücher hat John Grisham bislang veröffentlicht, die Gesamtauflage seiner Werke liegt bei mehr als 250 Millionen Exemplaren. Gestern kam er erstmals für eine Lesereise nach Deutschland, im Gepäck sein neuestes Werk „Das Gesetz“. Mit unserer Korrespondentin Jenny Tobien sprach der 55-Jährige über das Geheimnis seines Erfolges. Statt eines Romans haben Sie erstmals einen Erzählband mit sieben Kurzgeschichten veröffentlicht. Wie kam es dazu?
Alle sieben Geschichten sollten ursprünglich Romane werden. Es sind keine Kurzgeschichten im strengen Sinn, dafür sind sie zu lang. Sie alle haben einen Handlungsstrang mit Anfang, Mitte und Ende, weil das meine Art zu schreiben ist. Aber für einen Roman waren die einen nicht lang genug, andere zu kompliziert. In allen steckt viel mehr Humor als in meinen früheren Büchern.
Wie persönlich sind die Geschichten?
Ich kenne diese Menschen in Mississippi, das macht das Buch persönlich. Der Humor, der verschrobene Charakter der Kleinstadt-Bewohner, die frustrierten Anwälte, die von einem anderen Leben träumen. Es ist alles Fiktion, aber es basiert auf meinen damaligen Erlebnissen. So beispielsweise die letze Geschichte – „Ein Ort zum Sterben“ –, in der es um einen Aidskranken geht: Zwei Freunde von mir starben in den 1980er Jahren an Aids. Damals war die Krankheit noch neu und furchterregend und niemand hat sie verstanden. Die beiden hatten keinen Ort, wo sie hingehen konnten, um zu sterben.
Sind Sie mit den Jahren ein besserer Schriftsteller geworden?
Mir sagen viele Leser, dass mein erstes Buch mein bestes war. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Ich glaube, dass ich in vielem besser geworden bin, etwa was den Aufbau der Geschichten und die Spannung betrifft. Aber an meinem ersten Roman habe ich auch drei Jahre gearbeitet. Ich hätte nie geahnt, dass einmal 20 Millionen Exemplare davon verkauft werden. Ich wusste ja nicht einmal, ob er überhaupt veröffentlicht wird.
Was ist das Geheimnis Ihres Erfolges?
Ich will, dass der Leser das Buch in die Hand nimmt und nicht mehr aufhört zu lesen. Er soll nicht mehr zur Arbeit gehen, nicht mehr schlafen, Seite um Seite umblättern. Das ist, was ich am Lesen liebe und das ist das, was ich schreiben will.
Wer unterstützt Sie beim Schreiben?
Meine Frau ist meine schärfste Kritikerin. Sie liest die Bücher, während ich sie schreibe. Zweimal in 20 Jahren hat sie gesagt: Ich mag dieses Buch nicht, ich mag die Protagonisten nicht, ich mag die Geschichte nicht“. Also hab’ ich die Finger davon gelassen.“
Haben Sie irgendwelche Rituale, wenn Sie arbeiten?
Ich schreibe etwa vier bis fünf Monate lang an einem Buch. Ich stehe um sechs Uhr morgens auf, gehe in mein Büro bei mir zu Hause. Ich liebe es im Winter, wenn es noch dunkel ist, dorthin zu gehen. Ich wickel mich in eine Decke ein, fange an zu arbeiten. Es ist immer derselbe Raum, derselbe Computer, dieselbe Kaffeetasse, dergleiche Kaffee – ein sehr starker. Es gibt kein Telefon, kein Fax, kein Internet.
Ein Großteil Ihrer Bücher wurde verfilmt. Wie ist das für einen Autor, sein Werk in die Hände eines Regisseurs zu legen?
Wenn Du mit Hollywood Geschäfte machen willst, musst Du davon ausgehen, dass die Geschichte leicht abgewandelt wird. Wenn Du das nicht willst, dann lass es, aber dann verpasst Du ein gutes Geschäft. Als es um meine ersten Verfilmungen ging, sagte mein Freund Steven King zu mir: „Hol’ soviel Geld wie möglich heraus und verabschiede Dich davon.“ Das war ein sehr guter Ratschlag.
John Grisham
Geboren am 8. Februar 1955 im US-Bundesstaat Arkansas als Sohn eines Bauarbeiters, fing Grisham, der gelernte Anwalt, 1984 an zu schreiben. Sein Erstling „Die Jury“ (1989) wird zunächst kaum beachtet. Erst „Die Firma“ (1991) wird zu einem Welterfolg. Seine Romane werden nun in rund 30 Sprachen übersetzt.
Zum Weiterlesen
John Grisham: „Das Gesetz“, Kurzgeschichten, Heyne Verlag, 383 Seiten, 19,95 Euro.