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Sonntagsjournal

Dicke Mauern schützen

Uhr Von Frauke Hellwig
Alkohol ist in Deutschland überall und meist recht günstig zu haben, die Vielfalt ist enorm, dabei wird das Risiko für eine Abhängigkeit häufig verharmlost.Foto: Hellwig

ZEVEN. Alexander ist Alkoholiker. Er wurde als dritter Sohn in eine dörfliche Gaststätte hineingeboren, seine Eltern hatten nur selten Zeit für ihn. Ein Familienleben oder gemeinsame Gespräche gab es kaum. Probleme wurden nie besprochen. „Der Alkoholgenuss meines Vaters war regelmäßig und teilweise übermäßig, wodurch es zu vielerlei unschönen Szenen kam – auch gewalttätiger Art. Meine Mutter und ich haben darunter oft gelitten.“

Alexanders (Name geändert) eigener Alkoholgenuss wurde schon in frühen Jahren von seinen Eltern geduldet oder vielleicht auch nicht wahrgenommen, denn seine Erziehung übernahmen Nachbarn oder auch die Eltern seiner Freunde. Seine Schulzeit wurde hauptsächlich durch eine große Antriebslosigkeit geprägt. „Ich wusste immer nur, was ich nicht wollte. Und nach der Schule begann ich dann widerwillig eine Kochlehre – etwas anderes fiel mir nicht ein.“ Schon während der Schulzeit stieg sein Alkoholkonsum, während der Ausbildung gehörte ein Vollrausch im Monat zur Normalität. „Nach einer weiteren Ausbildung als Kaufmann übernahm ich Anfang der 90er Jahre die finanziell in schweres Wasser geratene Gaststätte von meinem Vater. Zur gleichen Zeit wurde ich selbst Vater einer Tochter und Schützenkönig im örtlichen Schützenverein. Trotz aller Bemühungen konnte ich auch mit Hilfe meiner Frau das Steuer bei den Problemen mit der Gaststätte nicht mehr umlegen. Ich war total überfordert mit den vielen Aufgaben und gab mir selbst die Schuld für alle Probleme.“

In dieser Phase avancierte der Alkohol zu seinem ständigen Begleiter. Anders meinte Alexander seine existenziellen Sorgen, die finanziellen Probleme und die viele Arbeit nicht mehr bewältigen zu können. „Ich wurde ein Meister im Aussitzen von Problemen und baute eine dicke Mauer um mich herum. Ich hatte meiner Meinung nach genug Probleme, die meinen Durst begründeten. Ich war zum Spiegeltrinker geworden. Nachts drehten sich meine Gedanken oft um Selbstmord. Aber das wollte ich meiner Tochter nicht antun – und ich war wohl auch zu feige.“ Nur noch mit einem ordentlichen Alkoholspiegel in seinem Blut konnte er seinen Tag schaffen. Für seine Frau und seine Tochter war er schon lange nicht mehr erreichbar, war unausstehlich und verbal aggressiv.

„Es wurde immer enger für mich. Mein schlechtes Gewissen quälte mich, sobald ich wieder einigermaßen klar war. Ich machte eine lange Trinkpause und schaffte mit Hilfe von Antidepressiva sogar einige Monate ohne Alkohol. Stattdessen begann ich wie ein Verrückter zu arbeiten – und belohnte mich für die lange Abstinenz mit einigen Bieren. Am Ende des Tages war ich total besoffen. Ich hatte mir bewiesen, dass ich über meine Trinkmenge keine Kontrolle mehr hatte.“ Dann besorgte ihm seine Frau einen Termin beim Arzt, der ihn in die psychiatrische Institutsambulanz im Elbe-Klinikum überwies. Dort öffnete ihm der Besuch der Motivationsgruppe die Augen und er begriff, dass er krank war und Hilfe annehmen musste, um sein Leben wieder in den Griff zu bekommen.

Durch die Gruppenbesuche und die Begleitung einer Psychotherapeutin konnte er langsam seine Trockenheit stabilisieren. „In meiner Gaststätte ging es derweil in die letzte Runde. Die Bank setzte mir die Pistole auf die Brust, meine Frau verabschiedete sich in eine Kur und ich fühlte mich von allen verlassen und verraten. Der Wunsch, ich könnte alles so weiter machen wie bisher – außer zu trinken – hatte sich nicht erfüllt. Meine Frau hatte einen anderen Mann kennen gelernt und wollte mich verlassen. Ich begriff die Welt nicht mehr. Schließlich hatte ich aufgehört zu trinken. Damit hatte ich meiner Meinung nach schon eine Menge getan. Ich dachte, ich hätte Verständnis und Unterstützung verdient.“ In dieser Zeit lernte er die Anonymen Alkoholiker kennen. Und nur mit Hilfe seiner AA-Freunde konnte er diese bislang schwerste Zeit in seinem Leben trocken überstehen. Seinen Weg, ein neues Leben anzufangen, konnte er nur trocken gehen. Nachdem er die Gaststätte aufgeben hatte, fand er sofort eine Arbeitsstelle. „Trotzdem war ich am Ende meiner Kräfte. Während einer fünfwöchigen Therapie konnte ich mich seelisch und körperlich wieder ein wenig stabilisieren. Die Beziehung mit meiner Frau konnte ich trotz beiderseitigem guten Willen zunächst nicht weiterführen.“ Es kam zur Trennung von Frau und Tochter. Sein verdientes Geld steckte er in die Tilgung seiner Schulden, nach drei Jahren war er schuldenfrei. „Stück für Stück konnte ich auch mit meinen Eltern Frieden schließen und es wuchs langsam auch so etwas wie ein normales Kind-Eltern-Verhältnis.“

Für jeden Tag dankbar

Inzwischen hat Alexander eine Ausbildung zum Suchtkrankenhelfer gemacht und hilft anderen Alkoholikern dabei, für sich den richtigen Weg zu finden. „Der Alkohol ist aber immer noch das Thema Nummer eins für mich und der Besuch meiner Selbsthilfegruppe gehört als fester Bestandteil zu meinem Leben. Die Arbeit an mir selbst hört nie auf, aber der Lohn ist ein sehr bewusstes Leben ganz ohne Suchtmittel. Jeden Tag übe ich von neuem und bin für jeden Tag dankbar.“ Heute lebt Alexander wieder mit seiner Frau und seiner Tochter zusammen und freut sich auf jeden neuen „trockenen“ Tag. „Ich bin auf dem Weg in ein zufriedenes Leben.“

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