Politik

Der alte Präsident - Joe Biden wird 80

US-Präsident zu sein, gilt als einer der härtesten Jobs der Welt. Joe Biden macht ihn in einem Alter, in dem andere schon viele Jahre in Rente sind. Für seine Gegner bietet er damit einige Angriffsflächen.

Von Christiane Jacke, dpa
18. November 2022
Email senden zur Merkliste
Joe Biden wird am 20. November 2022 80 Jahre alt.

Joe Biden wird am 20. November 2022 80 Jahre alt.

Foto: Evan Vucci/AP/dpa

Es war eigentlich ein unverfänglicher Auftritt für Joe Biden. Eine Konferenz zu Ernährung und Hunger in Washington. Der US-Präsident wollte ein paar anwesende Abgeordnete begrüßen. „Jackie, bist du da? Wo bist du?“, rief der 79-Jährige in den Saal. Gemeint war die republikanische Abgeordnete Jackie Walorski. Doch die war acht Wochen vorher bei einem Autounfall gestorben.

Bidens Sprecherin versuchte kurz darauf umständlich zu argumentieren, der Präsident habe die „unglaubliche Arbeit“ der Abgeordneten zu Thema Ernährung lobend erwähnen wollen. Spott und Häme konnte das nicht aufhalten.

Bidens Fehltritt Ende September ist einer von vielen. Der mächtigste Mann der Welt verhaspelt sich regelmäßig bei Auftritten, sucht nach Wörtern, vertauscht Zahlen, verwechselt mal Orte, mal Personen. Bei der Weltklimakonferenz in Schottland im vergangenen Jahr fielen ihm bei der Eröffnungsveranstaltung beim Zuhören mehrmals die Augen zu. Bei der Klimakonferenz in Ägypten in diesem Jahr kam er bei seiner Rede mächtig ins Stolpern.

Versprecher und kleine Patzer passieren jedem, doch bei Biden häuft es sich - nicht nur, weil er seit seiner Kindheit ein Stotterproblem hat und manchmal einfach schwierige Wörter nicht über die Lippen bekommt. Auch inhaltlich muss das Weiße Haus öfter eine Aussage des Chefs nachträglich einfangen. Bei einem Auftritt im Mai scherzte Biden über sich selbst: „Hin und wieder mache ich einen Fehler (...) - nun ja, einmal pro Rede.“

Der älteste US-Präsident aller Zeiten

Biden ist der älteste US-Präsident aller Zeiten. An diesem Sonntag wird er 80 - und steht vor der Entscheidung, ob er für eine zweite Amtszeit antreten wird oder nicht. Mit seinen regelmäßigen Fauxpas liefert der Demokrat den Republikanern stetig Futter, um öffentlich seine geistige Eignung für das höchste Amt in den Vereinigten Staaten anzuzweifeln. Aber auch in der eigenen Partei gibt es einige, die wegen Bidens Alter nicht sicher sind, ob er der richtige Kandidat ist, um bei der Präsidentenwahl 2024 noch einmal anzutreten.

Bei der Wahl wäre Biden 81, beim Start in eine zweite Amtszeit 82, am Ende seiner Präsidentschaft wäre er dann 86. Der demokratische Abgeordnete David Trone (67) sagte vor wenigen Tagen dem Sender CNN: „Ich wünschte, er wäre 30 Jahre jünger, 20 Jahre jünger, 10 Jahre jünger. Aber es ist, wie es ist.“ Auf die Frage, ob Biden der richtige Kandidat für 2024 sei, sagte Trone: „Ich fände es besser, wenn wir jemanden mit etwas mehr Schwung hätten.“ Aber wenn Biden wieder antrete, dann werde er ihn unterstützen.

Das ist die Sprachregelung, die momentan auch von allen hochrangigen Demokraten zu hören ist: Biden müsse die Entscheidung selbst treffen. Und wenn er für eine zweite Amtszeit kandidieren wolle, dann stehe man hinter ihm. Enthusiasmus klingt anders.

Mit 29 in den Senat gewählt

Biden wurde mit 29 Jahren in den US-Senat gewählt und zog dort mit 30 ein, das ist das Mindestalter. Er war einer der jüngsten Senatoren in der US-Geschichte, nun ist er der älteste Präsident, den das Land je hatte. Der Ex-US-Vizepräsident bringt durch seine lange politische Karriere mehr Erfahrung mit als die meisten Parteikollegen.

Und in seiner Amtszeit hat er auch einiges vorzuweisen: Biden setzte mehrere gewaltige Investitionspakete durch, um das Land durch die Corona-Krise zu steuern, die veraltete Infrastruktur der USA zu modernisieren und die Klimakrise zu bekämpfen. Nach vier chaotischen Regierungsjahren seines Amtsvorgängers Donald Trump reparierte Biden viele Schäden in Beziehungen zu Verbündeten auf der Welt.

Und bei den Kongresswahlen Anfang November, in der Mitte von Bidens Amtszeit, fuhren seine Demokraten ein erstaunlich gutes Ergebnis ein. Üblicherweise verliert die Partei des Präsidenten bei den „Midterms“ Sitze in beiden Kammern. Doch die Demokraten hielten den Senat, können ihre hauchdünne Mehrheit dort womöglich sogar noch um einen Sitz ausbauen. Und die Mehrheit im Repräsentantenhaus verloren sie nur ganz knapp an die Republikaner. Im historischen Vergleich sticht das als echter Erfolg heraus. Nach Monaten, in denen er mit miesen Umfragewerte und hohen Spritpreisen zu kämpfen hatte, gab das Biden wieder einen Schub und stärkte seine mögliche Position für 2024.

Angriffsfläche für die politische Konkurrenz

Aber wenn der veröffentlichte Gesundheitscheck eines Präsidenten - in den USA ist so was üblich - dessen „steifen Gang“ erwähnt und von allgemeinem „Verschleiß“ spricht, dann bietet das Alter Angriffsfläche für die politische Konkurrenz.

Bidens Amtsvorgänger Trump - der einzige, der bislang überhaupt eine Präsidentschaftsbewerbung für 2024 verkündet hat - ist selbst 76 und kann sich Häme bei dem Thema eigentlich nicht erlauben. Aber jemand wie Ron DeSantis, der republikanische Gouverneur von Florida, der im Moment als wahrscheinlicher weiterer und aussichtsreicher Präsidentschaftsanwärter gilt, würde Biden buchstäblich alt aussehen lassen. Der 44-Jährige DeSantis spottete kürzlich nach einem Wahlkampfbesuch Bidens in seinem Bundesstaat: „Ich habe einen Bericht erhalten, dass ein älterer Mann ziellos in Südflorida umherwanderte. Vielleicht brauchte er Hilfe. Es stellte sich heraus, dass es Joe war.“ Sollte es am Ende auf ein Rennen zwischen DeSantis und Biden hinauslaufen, wären Sprüche dieser Art wohl täglich zu erwarten.

Biden hat für den Jahresbeginn eine Entscheidung dazu in Aussicht gestellt, ob er noch mal antritt. „Meine Absicht ist es, wieder zu kandidieren“, sagte er. „Aber ich habe großen Respekt vor dem Schicksal. Und dies ist letztlich eine Familienentscheidung.“

Der Verfassungsrechtler Gregory Magarian von der Washington University in St. Louis sagt, Biden denke zwar jetzt über diese Frage nach. „Aber in Wirklichkeit muss er darüber nachdenken, wie seine Energie und seine Fähigkeiten in sechs Jahren aussehen werden, wenn er am Ende einer zweiten Amtszeit stehen würde.“ Der Job erfordere ein hohes Maß an Energie und Scharfsinnigkeit. „US-Präsident zu sein, ist sicherlich einer der härtesten Jobs der Welt.“ Auch mit 80.

Joe Biden im Jahr 1972, damals neu gewählter demokratischer Senator aus Delaware in Washington.

Joe Biden im Jahr 1972, damals neu gewählter demokratischer Senator aus Delaware in Washington.

Foto: Uncredited/AP/dpa

0 Kommentare
PASSEND ZUM ARTIKEL
zur Merkliste

Politik

Massive Polizeipräsenz verhindert neue Proteste in China
zur Merkliste

Politik

Pence kritisiert Trump wegen Dinner mit Kanye West
nach Oben