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„Genauso beliebt wie Flöhe“: Kriegsreporterinnen im Einsatz

Vom Ersten Weltkrieg bis zum Ukrainekrieg - Frauen haben die grauenvollsten Kriege als Reporterinnen begleitet. Einige bezahlten ihren Einsatz mit dem Leben.

Von Sibylle Peine, dpa
19. November 2022
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Rita Kohlmaier über „Kriegsreporterinnen. Im Einsatz für Wahrheit und Frieden“.

Rita Kohlmaier über „Kriegsreporterinnen. Im Einsatz für Wahrheit und Frieden“.

Foto: ---/Suhrkamp Verlag/dpa

„Was macht denn eine Frau hier?“ war die Frage, die Dickey Chapelle durch ihr gesamtes Kriegsreporterinnenleben begleitete. Die amerikanische Journalistin, die im Vietnamkrieg ums Leben kam, wählte diesen Satz deshalb auch als Titel ihrer Autobiografie.

Die Frage offenbarte dabei nicht nur die Verblüffung männlicher Kollegen und Soldaten, an der Front auf eine zierliche Reporterin zu treffen. Es schwingt auch ein missbilligender Unterton mit, dass die Kriegsberichterstattung für eine Frau etwas Unangemessenes sei.

Bisweilen wurden Männer auch deutlicher. „Weibliche Korrespondenten sind in Korea genauso beliebt wie Flöhe“, schrieb etwa ein Journalist der „Chicago Tribune“ während des Koreakrieges. Doch trotz der vielfältigen Gefahren und der Herausforderung, sich in einem martialischen, männlichen Umfeld behaupten zu müssen, haben sich immer wieder Frauen für den Job der Kriegsreporterin entschieden.

Lebensgeschichten

Rita Kohlmaier porträtiert in ihrem Buch rund 30 Journalistinnen und Fotografinnen aus hundert Jahren, die an den unterschiedlichsten Kriegsschauplätzen im Einsatz waren. Es beginnt mit der Österreicherin Alice Schalek, der ersten akkreditierten Kriegsberichterstatterin, die die Schlachten des Ersten Weltkriegs begleitete, und endet bei Katrin Eigendorf, der wahrscheinlich zurzeit bekanntesten deutschen Kriegsreporterin, die für das ZDF berichtet und der wir eindrückliche Berichte aus Afghanistan und der Ukraine verdanken.

Das Buch vereint die Lebensgeschichten großer Reporterinnen und Fotografinnen wie etwa Gerda Taro, Lee Miller, Martha Gellhorn oder Margaret Bourke-White - mutige Augenzeuginnen des Spanischen Bürgerkriegs oder des Zweiten Weltkriegs. Aber auch bekannte TV-Journalistinnen, die in jüngeren Konflikten im Einsatz waren - etwa in Afghanistan, im Irak oder Syrien - bekommen Raum. Dazu gehören Christiane Amanpour, Clarissa Ward oder Antonia Rados.

Immer wieder sahen und sehen sich diese Frauen mit derselben Frage konfrontiert: Warum verlassen sie ihre sichere Heimat, manchmal auch ihre Familie, und begeben sich in Lebensgefahr, suchen die Konfrontation mit grauenvollen, traumatisierenden Anblicken und Ereignissen? Die Antworten sind so verschieden wie die porträtierten Frauen. Einige outen sich als Idealistinnen, so die amerikanische Fotojournalistin Lynsey Addario.

Zeigen, was im Krieg passiert

Sie sieht in ihrer Tätigkeit „ein Bekenntnis, eine Verpflichtung, eine Berufung. Sie macht uns glücklich, weil sie unserem Leben einen Sinn gibt.“ Margaret Bourke-White, die den Untergang Nazi-Deutschlands und das Grauen der KZs dokumentierte, hoffte, einen „bescheidenen Beitrag zur Verhinderung von zukünftigen Kriegen geleistet zu haben.“

Wesentlich nüchterner beurteilt Katrin Eigendorf ihre Arbeit. Sie sehe sich nicht als Aktivistin: „Für mich ist die wichtigste Leitlinie, dass ich zeige, was da passiert. Und das so authentisch wie möglich, so faktenbasiert wie möglich. Lösen kann ich die Probleme nicht, das müssen andere tun.“ Einige Journalistinnen wie die schon erwähnte Dickey Chapelle, aber auch die deutsche Fotografin Anja Niedringhaus und die Amerikanerin Marie Colvin bezahlten ihren Kriegseinsatz mit dem Leben. Sie wurden Opfer von Anschlägen, Sprengbomben oder Artillerieangriffen. Den höchsten Blutzoll zahlten Journalisten und Journalistinnen demnach im Syrienkrieg. Mindestens 300 Medienschaffende sollen dort getötet worden sein.

Der Versuch, sie zum Schweigen zu bringen, motiviert manche Kriegsreporterinnen umso mehr. Sie geben sich kämpferisch. Doch zur Wahrheit gehört auch, dass einige schwer verletzt und traumatisiert aus diesen Kriegen zurückkommen. Die CNN-Reporterin Clarissa Ward etwa schrieb: „Der Krieg in Syrien hat sich dauerhaft in mein Nervenkostüm eingebrannt.“ Ihr privates Leben in London kam ihr danach banal und sinnlos vor: „Ich war am Ende.“

Katrin Eigendorf findet in ihrer Familie, Freunden, dem Sport, ja auch in ihrem Hund einen Ausgleich. Dass Kriegsreporter ihren Job nur mit Drogen und Alkohol ertragen, hält sie übrigens für eine Legende: „Ich muss schon ein wenig wie ein Hochleistungssportler leben... Wer nicht fit ist, der kann so einen Job nicht über Wochen hinweg durchhalten.“

- Rita Kohlmaier: Kriegsreporterinnen. Im Einsatz für Wahrheit und Frieden, Elisabeth Sandmann Verlag, München, 176 Seiten, 28,00 Euro, ISBN 978-3-949582-10-3.

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