Politik

Weltnaturgipfel: Durchbruch für die Artenvielfalt?

Parallel zur Klimakrise gibt es eine Biodiversitätskrise: Viele Tier- und Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht. Ein Abkommen soll das verhindern - aber kann das ausreichen?

Von Christina Horsten und Axel Hofmann, dpa
19. Dezember 2022
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Ein Abkommen des Weltnaturgipfels soll die Lebensräume von Insekten und anderen Arten schützen.

Ein Abkommen des Weltnaturgipfels soll die Lebensräume von Insekten und anderen Arten schützen.

Foto: Sina Schuldt/dpa

Rund zwei Wochen lang haben Vertreter von rund 200 Staaten auf dem Weltnaturgipfel im kanadischen Montreal um ein neues Abkommen für den Artenschutz gerungen. Lange sah es nicht so aus, als ob ein Kompromiss zustande kommt, doch dann wurde am Montag doch noch eine Abschlusserklärung verabschiedet.

Was wurde auf dem Gipfel beschlossen?

Die Abschlusserklärung ist eigentlich ein Paket aus mehreren Dokumenten, die insgesamt 4 Vorsätze und 23 Zielsetzungen umfassen. Unter anderem sollen bis 2030 mindestens 30 Prozent der weltweiten Land- und Meeresflächen unter Schutz gestellt werden. Weitere 30 Prozent sollen renaturiert werden. Reichere Länder sollen ärmeren Staaten zum Erhalt der Artenvielfalt bis 2025 rund 20 Milliarden US-Dollar jährlich zukommen lassen. Die Gefährdung von Mensch und Umwelt durch Pestizide soll bis 2030 halbiert und umweltschädliche Subventionen in Höhe von 500 Milliarden US-Dollar abgebaut werden. Darüber hinaus soll die Rate, mit der Arten aussterben, bis 2050 auf ein Zehntel verringert werden.

Was bedeutet das 30-Prozent-bis-2030-Ziel?

Es soll „sichergestellt und ermöglicht“ werden, so heißt es im Text der Erklärung, dass bis 2030 auf der Erde mindestens 30 Prozent der Landflächen, der Binnengewässer und der Küsten- und Meeresflächen „wirkungsvoll konserviert“ werden. Das soll wo möglich auch in Zusammenarbeit mit indigenen Völkern und lokalen Gemeinschaften passieren. Die „30 bis 30“-Zielsetzung galt schon im Vorfeld als herausragend wichtig, ihre Verabschiedung feiern Umweltschützer als großen Erfolg. „Ein Biodiversitäts-Ziel von diesem Ausmaß gab es noch nie“, sagt Brian O’Donnell von der Organisation Campaign for Nature. Kritisiert wird allerdings, dass im Text zu wenig spezifiert sei, was „wirkungsvoll konserviert“ eigentlich genau bedeute.

Was bedeutet die Vereinbarung für Deutschland?

In der Bundesrepublik ist das 30-Prozent-Ziel nach Angaben des Umweltministeriums schon erreicht. In Deutschland seien 45 Prozent der Meeresflächen geschützt. An Land liege die Quote - wenn man Landschaftsschutzgebiete einbezieht - ebenfalls deutlich über 30 Prozent, erläuterte ein Ministeriumssprecher in Berlin. Es gebe aber auch „Hausaufgaben“ für die Bundesregierung - etwa beim Abbau schädlicher Subventionen.

Warum haben die Verhandlungen so lange gedauert?

Meinungsverschiedenheiten gab es an allen Ecken und Enden. Einige Länder wollten die Formulierungen gerne vage halten, andere wünschten sich klare, messbare Ziele. Vor allem aber gab es Differenzen bei der Finanzierung. Viele ärmere Länder forderten deutlich mehr finanzielle Unterstützung von reicheren Ländern. Aus Protest hatte eine Gruppe von Entwicklungs- und Schwellenländern, angeführt von Brasilien, die Verhandlungen sogar zeitweise verlassen. Letztendlich wurde nach einem Verhandlungsmarathon im Kongresszentrum im winterlich verschneiten Montreal zum Schluss ein Kompromiss gefunden - aber nach dessen Verabschiedung um 3.30 Uhr Ortszeit am Montagmorgen drückte der Vertreter der Demokratischen Republik Kongo noch einmal sein Unbehagen über die Finanzierung aus.

Ist die Erklärung jetzt der Durchbruch?

Es ist ein Erfolg, dass es überhaupt zu einer gemeinsamen Abschlusserklärung gekommen ist - da sind sich Teilnehmer, Experten und Beobachter einig. Aber während die chinesische Gipfelpräsidentschaft von einem „historischen Moment“ sprach und Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) von einem „guten Tag für den weltweiten Natur- und Umweltschutz“, sahen andere das deutlich kritischer. „Die Welt rast in der Natur- und Klimakrise auf einen Abgrund zu“, warnte beispielsweise der Präsident des Naturschutzbundes Nabu, Jörg-Andreas Krüger. „Doch statt entschieden zu bremsen, geht sie lediglich etwas vom Gas.“

Welche Kritikpunkte gibt es?

Viele Umwelt- und Naturschützer halten die vereinbarten Ziele für nicht weitgehend genug und vermissen Sanktionen für den Fall, dass die Zielmarken verfehlt werden. Katrin Böhning-Gaese, Direktorin des Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrums, bemängelt deshalb: „Das Abkommen hat keine scharfen Zähne.“ Zudem seien viele Formulierungen recht vage und schwammig - ganz abgesehen davon, dass das Dokument rechtlich ohnehin nicht bindend sei.

Auf was kommt es jetzt an?

Einig sind sich alle, dass das Abkommen erst der Anfang ist. Jetzt geht es an die Umsetzung - und die dürfte deutlich schwieriger werden. Das Dokument ist rechtlich nicht bindend und viele Zielsetzungen darin sind recht vage gehalten. Jeder Teilnehmerstaat muss nun schauen, wie er die Ziele konkret für sich umsetzt. Das sei das wirklich Wichtige, hatte die Chefin der UN-Biodiversitätskonvention, Elizabeth Maruma Mrema, schon im Vorfeld angemahnt. Ansonsten sei die Abschlusserklärung nicht mehr als „ein schönes Dokument, mit dem wir unsere Regale schmücken können“.

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