Meinung & Analyse

Willi Weitzel: Wie man Kindern das Thema Krieg näherbringt

Was bedeutet eigentlich Krieg? Mit seinem Bilderbuch „Der Frieden ist ausgebrochen“ möchte TV-Reporter Willi Weitzel Kindern dieses Thema näher bringen. Im Interview verrät der 50-Jährige, welcher Moment ihn dazu inspiriert hat.

TV-Reporter und Moderator Willi Weitzel

TV-Reporter und Moderator Willi Weitzel thematisiert in seinem Bilderbuch „Der Frieden ist ausgebrochen“ das Thema Krieg - und will Kindern damit Hoffnung geben.

Foto: Welterforscher Film usw. GmbH

Herr Weitzel, Sie sind als gut gelaunter Reporter und Moderator bekannt, der mit viel Witz den unterschiedlichsten Formaten auf den Grund geht. Statt Spaß geht es in Ihrem neuen Buch aber um ein ernstes Thema: Krieg. Wie ging es Ihnen damit?

Ich suche mir gerne die Herausforderung, mich mit sperrigen und ernsten Themen auseinander zu setzen und diese altersgemäß Kindern zu vermitteln. Und darin sehe ich auch meine Aufgabe. Die Welt hat so viele Probleme, für Kinder muss man diese Probleme feinfühlig rüberbringen, sonst kann man sie mit den ganzen Lasten auch erdrücken. Und das betrifft nicht nur das Thema Krieg, das betrifft beispielsweise auch den Klimawandel. Ich versuche an diese schweren Themen immer mit der Haltung ranzugehen, dass es nicht fünf nach zwölf ist, sondern fünf vor zwölf.

Wie kam es denn zu der Idee, ein Bilderbuch zu dem Thema zu veröffentlichen?

Ich saß eigentlich an einem ganz anderen, einem heiteren Buch, als der Krieg in der Ukraine ausbrach. Dabei habe ich eine Geschichte, was die Ukraine betrifft. Ich habe 2020, kurz vor Corona, in der Ukraine einen Film für die Sternsinger gedreht und da fragte ich zwei Kinder nach ihren drei größten Wünschen. Die sagten mir dann, ihr größter Wunsch sei es, dass der Krieg aufhört. Der war damals schon in ihren Köpfen und in ihrem Bewusstsein. Wir waren zwei Wochen dort unterwegs und mir sind die Menschen dort in dieser Zeit sehr ans Herz gewachsen. Mich hat es, genau wie alle anderen auch, in einen Schock versetzt, als Russland die Ukraine angriff. Nach dem Kriegsausbruch kam meine jüngste Tochter, die noch in den Kindergarten geht, zu mir und sagte: „Papa, im Kindergarten haben die gesagt, da ist was ausgebrochen, aber ich weiß gar nicht, was.“

Wie haben Sie sich in dem Moment gefühlt?

Ich muss ehrlich sagen, der Moment tat mir als Vater, als Elternteil, total weh. Wenn selbst die Kleinsten sich mit dem Thema auseinandersetzen müssen und ihre zarte, zerbrechliche Welt ins Wanken kommt, ist das traurig. Ich stand da und habe versucht, das Abstrakte irgendwie in Worte zu fassen. In der Situation war die Erwartungshaltung, die man vielleicht von außen auf mich, den Willi, hat, komplett konträr. Letztlich konnte ich in diesem Moment auch erstmal nur sagen: „Da ist ein Krieg ausgebrochen“.

Hat Ihre Tochter das verstanden? Schließlich ist das Thema Krieg ja selbst für Erwachsene recht komplex.

Wenn man selbst am Wanken ist, ist es schwer, jemand anderem gleichzeitig Halt zu geben. Ich habe gespürt, dass bei meiner Tochter so viele Gedanken, Ängste und auch Fragen waren. Und ich konnte ihr keinen Halt geben, und auch keine Antworten. Ich habe mich dann gefragt: Wie kann ich die Kinder trösten? Wie kann ich ihnen Halt geben? Und das hat mich dann dazu gebracht, die ursprüngliche Buch-Idee zu verwerfen. Ich habe dann ein neues Dokument geöffnet und sofort losgelegt zu schreiben, ausgehend von dieser Aussage „Da ist was ausgebrochen“. Ich dachte mir, wenn es schon in der echten Welt nicht funktioniert, dann lass ich den Frieden jetzt wenigstens fiktiv im Buch ausbrechen.

Sie sagten vorhin, es war ein trauriger Moment, zu sehen, dass auf die heile Kinderwelt so ein schweres Thema einprasselt. Warum ist es dennoch wichtig, mit Kindern über Krisen zu reden?

Kinder vor allen negativen Einflüssen zu bewahren, ist der falsche Ansatz. Aber wie immer geht es um die Dosis und die Art und Weise, wie man sie über die Dinge, die in unserer Welt passieren, informiert. Zu viele Informationen können Kinder schnell überfordern – dann machen sie zu. Kinder brauchen Halt und Unterstützung, wenn es um den Ernst des Lebens geht. Mir ist es wichtig, dass der Buchtitel bei den Kindern, und auch bei denen, die das Buch vorlesen, das einlöst, was er verspricht: dass Frieden bei ihnen ausbricht.

Was hat das Schreiben über Krieg mit Ihnen persönlich gemacht?

Es war für mich als Vater wichtig, dieses Buch zu schreiben, um mir selbst mal Gedanken zu dem Thema zu machen. Krieg ist so abstrakt. Ich habe mir Gedanken gemacht, wie ich das Thema in die Kinderwelt transportieren kann. Ich wollte mit dem Buch auch meinen Kindern das Thema näherbringen. Das Buch ist also auch ein Geschenk für mich persönlich. Vor allem möchte ich aber allen Kindern, und auch Erwachsenen, etwas an die Hand geben, woran sie sich festhalten können.

Reden Sie mit ihren Kindern öfters auch über andere ernstere Themen?

Ja, das passiert bei uns automatisch. Ich war in den letzten Jahren so viel in der Welt unterwegs und habe über so viele Krisen berichtet. Inzwischen muten wir unseren Kindern, die mit diesen ganzen Krisen aufwachsen, viel mehr zu. Ich habe zum Beispiel als Reporter schon drei Mal aus dem Libanon berichtet. Wenn ich vor Ort mit syrischen Kindern aus dem Krieg rede, und sie mir von ihren schrecklichen Erfahrungen erzählen, wird mir ganz anders. Und sowas kriegen meine Kinder mit, weil ich davon zuhause erzähle. Immer gut dosiert und immer auch mit Hoffnung. Die brauchen wir Erwachsenen genauso.

Inwiefern hat es beim Schreiben des Buches geholfen, dass sie diese Erklärer-Rolle schon lange als TV-Reporter einnehmen?

Das hat mir auf jeden Fall enorm geholfen. Ich habe gemerkt, dass ich am Anfang noch sehr wie ein Reporter berichtet habe (lacht) und habe dann beim zweiten und dritten Schliff einfach noch mehr Poesie reingebracht, um besonders sensibel und nicht zu sehr wie ein Kriegsberichterstatter, sondern wie ein poetischer Friedensberichterstatter durch dieses Buch zu führen.

Da hilft es dann wahrscheinlich auch, dass Sie sich schon lange auf die Sicht der Kinder konzentrieren.

Das stimmt. Ich beschäftige mich in meinem beruflichen Leben schon einige Zeit mit dem kindlichen Horizont, der spielt da natürlich auch mit rein, wenn ich schreibe. Ich schreibe diese Bücher aber nicht als Papa, sondern als Willi. Aber wenn das Buch dann da ist, nehme ich es wieder als Papa in die Hand und lese es meinen Kindern vor.

Welchen Rat würden Sie Eltern geben, wie sie am besten mit ihren Kindern über ernste Themen reden? Viele Eltern wissen nicht, wie und wo sie da anfangen sollen.

Immerhin kennen Eltern ihre Kinder am besten. Doch es ist nicht immer leicht, den richtigen Moment für ein Gespräch zu finden. Es ist das gleiche wie mit sexuellen Aufklärungsbüchern. Ich glaube, es hilft, wenn man sich gemeinsam etwas Vermittelndes zur Hand holt. Außerdem muss man sich Zeit nehmen und genau hinhören. Die Erwachsenen sollten sich immer wieder daran erinnern, wie sensibel sie selbst in dem Alter waren. Schließlich sind Kinder immer genauso offen oder verklemmt wie die eigenen Eltern.

Sie scheinen mit dem Projekt eine neue Leidenschaft für sich entdeckt zu haben. Können Sie sich vorstellen, weitere Bücher dieser Art zu schreiben?

Nun ja, wenn ich heute so in den Fernseher schaue und meine Nachfolger wie Checker Tobi und Checker Julian sehe, dann merke ich auch, dass ich älter geworden bin. Ich stehe gerne vor der Kamera, aber dieses unbedachte, naive Ausleben des Reporters, so wie die das können, das ist bei mir nicht mehr so. Einfach weil ich älter geworden bin und viele Erfahrungen gesammelt habe. Ich habe aber beim Schreiben dieses Buches auch gemerkt, dass ich mich, als Willi, so wie man mich kennt, sehr gut entfalten kann. Das Schreiben hat mir viel Spaß gemacht. Ich hoffe natürlich, dass ich nicht nur Bücher zu solch dramatischen Themen schreiben muss.

Junge mit Fahne in der Hand

Der Krieg in der Ukraine sorgte in diesem Jahr für Entsetzen. Bei Kindern kann ein so ernstes Thema wie der Krieg vor allem für Verwirrung und Ängste sorgen. In seinem Bilderbuch „Der Frieden ist ausgebrochen“ versucht Willi Weitzel, Kindern diese Ängste zu nehmen - und ihnen stattdessen Hoffnung zu schenken.

Foto: picture alliance/dpa/AP

Buchcover

In seinem Bilderbuch „Der Frieden ist ausgebrochen“ möchte Willi Weitzel Kindern das Thema Krieg näherbringen.

Foto: Welterforscher Film und so weiter GmbH

Leoni Hentschel

Volontärin

Leoni Hentschel ist in Bremen geboren und aufgewachsen. Nach mehreren Auslandsaufenthalten ist sie wieder dorthin zurückgekehrt und hat Kommunikations- und Medienwissenschaft sowie Germanistik studiert. Jetzt ist sie Volontärin bei der NZ.

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