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Bremerhaven: Hauch von Gothic und ganz viel Liebe zur Kreativität

Ein Totenschädel steht im Schaufenster des kleinen Nähgeschäftes in der Löningstraße. Er ist kein vergessenes Überbleibsel einer Halloween-Dekoration. Vielmehr sind die makaberen Gebeine ein Statement-Accessoire. Denn die Inhaberin von Stoffe Maid liebt nicht nur alles, was mit Nähen zu tun hat, ihr Herz schlägt auch für Gothic.

Bremerhaven: Hauch von Gothic und ganz viel Liebe zur Kreativität
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Schwarz, ein Hauch Addams-Family, eine Prise Punk und ganz viel 80er-Jahre: die Sub-Kultur Gothic ist nicht mehr ganz neu, einige Anhänger halten ihr aber bis heute die Treue. Anja Weber ist eine von ihnen.

In der Hand hält sie just eine Schere. Messerscharf gleitet sie durch einen Ballen Stoff, durchtrennt das samtig-schwarze Gewebe in zwei Teile. Sie selber trägt an diesem Morgen ein schwarzes Gewand mit Spitzenausläufern. Die Farbe Schwarz ist für Freunde der Gothic-Bewegung essenziell. „Die Kleidung soll natürlich die Weltsicht ausdrücken. Gothic steht für Offenheit gegenüber allem, was vom Gewöhnlichen abweicht“, erläutert die 53-Jährige. Nachdenklicher, sensibler – so ließe sich die mentale Ausrichtung der Anhänger beschreiben.

Zulauf aus Punk und Wave

Selbst das Futter der selbstgefertigten Hose ist bei Anja Weber ein Bekenntnis zur Gothic-Szene: Es zeigt Totenköpfe.

Selbst das Futter der selbstgefertigten Hose ist bei Anja Weber ein Bekenntnis zur Gothic-Szene: Es zeigt Totenköpfe.

Foto: Lammers

Anja Weber selbst hat ihre Liebe zu der Bewegung, die Anfang der 1980er Jahre aus dem Punk- und New-Wave-Umfeld großen Zulauf erhielt, schon in dieser frühen Phase für sich entdeckt. „Damals gab es in Bremerhaven eine große Gothic-Szene“, berichtet Anja Weber. Die Szene-Mitglieder hätten sich gern im Bereich der Alten Bürger in der Gaststätte Yesterday getroffen, die sich damals noch in der Schleusenstraße befand, hätten dort gefeiert und seien dann im Frühlokal Ei frühstücken gewesen, sagt Anja Weber schwärmerisch. Ein wenig Wehmut ist da auch in ihrer Stimme: „Heute ist die Szene in Bremerhaven sehr klein.“

Hier manifestiert sich wohl ein Thema, das ganz maßgeblich für die Inhalte der Bewegung ist: Vergänglichkeit. „Es geht beim Gothic immer auch um die Beschäftigung mit dem Thema Tod. Wir alle haben nur eine bestimmte Zeit auf dieser Erde. Das Sterben gehört dazu. Die meisten Menschen versuchen, das jedoch zu verdrängen.“

Beruf als Krankenschwester „irgendwann nicht mehr leistbar“

Eine Tatsache, die den zahlreichen Splitterkulturen des Gothic gemein ist. Eine davon nennt sich Steam-Punk. Sie fasziniert Anja Weber besonders. „Steam-Punk geht zurück auf das viktorianische Zeitalter. Das Leben damals war ruhiger. Ich selbst kann Stress nicht ertragen“, so die gelernte Krankenschwester. Und: „Die Eleganz der Mode damals fasziniert mich.“ Zwei Tatsachen, die schließlich in der Eröffnung des kleinen Nähgeschäftes mündeten: „Ich konnte meinen Beruf irgendwann nicht mehr ausführen. Im Zuge von Einsparungen mussten wir in dem Krankenhaus, in dem ich arbeitete, immer mehr Menschen mit immer weniger Kollegen versorgen. Das war irgendwann nicht mehr leistbar.“

Also beschloss Anja Weber aus ihrer Leidenschaft, dem Nähen – vor allem auch von Steam-Punk-Gewändern, eine Berufung zu machen und eröffnete Stoffe Maid. Dort finden aber längst nicht nur die Liebhaber des Gothic die für die Herstellung eigener Bekleidung notwendigen Utensilien. In den Regalen lagern auch viele kunterbunte Stoffe. Fein säuberlich drapiert hängen Reißverschlüsse in den unterschiedlichsten Farben an einem Ständer, und Knöpfe in Plastik-Röhrchen warten auf ihren Einsatz.

Nähen ist wieder beliebter

„Das Nähen ist schon seit Jahren wieder sehr beliebt, besonders bei jungen Frauen“, hat Anja Weber beobachtet. Und denen, die zwar den Kopf voller Ideen für eigene Mode haben, aber noch nicht wissen, wie sie sie realisieren können, bringt sie in Einzelkursen das Nähen bei. In aller Ruhe – wie im viktorianischen Zeitalter.

Andrea Lammers

Reporterin

Andrea Lammers (Jahrgang 1968) ist in Bremerhaven geboren und aufgewachsen. In Bremen hat sie Rechtswissenschaften studiert. Das Jonglieren mit Buchstaben erschien ihr jedoch erheblich spannender als das mit Paragrafen. Deswegen volontierte sie bei der NORDSEE-ZEITUNG. Seit 1999 arbeitet sie als Redakteurin beim SONNTAGSjOURNAL.

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