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Die Sinnsuche ist längst keine Frage des Glaubens mehr

Millionen Deutsche haben sich in den vergangenen Jahrzehnten von der Kirche abgewendet. Besonders viele Gläubige sind während der Corona-Pandemie ausgetreten. Doch mangelnder Glaube sei nicht dafür verantwortlich, sagen Experten.

Mehr als die Hälfte der von Doktorandin Carolin Hillenbrand Befragten erklärten, dass ihr Glaube ihnen während der Corona-Pandemie Trost, Kraft und Hoffnung gebe.

Mehr als die Hälfte der von Doktorandin Carolin Hillenbrand Befragten erklärten, dass ihr Glaube ihnen während der Corona-Pandemie Trost, Kraft und Hoffnung gebe.

Foto: picture alliance/dpa

„Die Kirche muss sich einer Relevanzfrage stellen“, meint Dr. Kai-Ole Eberhardt, Theologe der Universität Hannover. Die Institution müsse sich intensiv damit auseinandersetzen, wie sie ihrer Botschaft gerecht werden und damit zugleich bedienen kann, was die Menschen heutzutage brauchen. Es sei eine Herausforderung, Inhalte so zu übersetzen, dass der historische Graben von 2000 Jahren überbrückt werden könne.

Es stellt sich zunehmen die Frage der Relevanz

Beim Blick auf die Zahlen lässt sich schnell schlussfolgern, dass dies der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten scheinbar mehr schlecht als recht gelungen ist: Waren 1990 etwa 57,9 Millionen Deutsche Mitglied einer Kirche, sind mittlerweile mehr als 16 Millionen Gläubige ausgetreten, wie eine Statistik der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) mitteilt. Einschlägige Rückgänge hat die katholische Kirche zu verzeichnen: 360.000 Mitglieder kehrten ihr alleine im vergangenen Jahr den Rücken zu. Gründe dafür waren laut EKD-Umfrage vor allem die Missbrauchskandale und Ablehnung Homosexueller.

Obendrein sei die Institution laut Bericht für Deutsche unwichtig geworden. „Bei den weiterreichenden Gründen für den Kirchenaustritt kristallisiert sich die persönliche Irrelevanz von Religion und Kirche als eine offenbar überdauernde Dimension heraus“, schreibt die EKD. Nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen ist der Glaube selbst aber nicht dafür verantwortlich.

Die Suche nach Gott und dem Sinn findet weiter statt

„Menschen, die religiösen Institutionen den Rücken kehren, verschwinden meist nicht in einer Art Brachlandschaft, sondern suchen sich alternative spirituelle Formen“, sagt Carolin Hillenbrand, Mitarbeiterin an der Universität Münster. In ihrer Doktorarbeit untersuchte sie die Rolle von Religion, während der Corona-Pandemie. Alternativen wie zum Beispiel Esoterik oder spirituelle Bewegungen wie Achtsamkeit und Yoga seien individualistischer und nicht klassisch an eine Institution gebunden. „Die Menschen suchen nach Gott, aber nicht in den Kirchen.“ Markant sei, dass ein Großteil der Menschen, die einen religiösen Glauben haben, ihn in den vergangenen Jahren trotz Krisen nicht verloren haben.

„Ein Drittel der Befragten gaben an, dass sich ihr Glaube sogar verstärkt habe“, so Hillenbrand. Mehr als die Hälfte der Teilnehmer erklärten, dass die Corona-Pandemie keine Auswirkungen auf ihren Glauben habe. „In Krisenzeiten greifen die Menschen vermutlich auf das zurück, was sie kennen“, so die Doktorandin. Mehr als die Hälfte der Befragten erklärten, dass ihr Glaube ihnen Trost, Kraft und Hoffnung gebe.

Seelsorge statt Religiosität steht im Vordergrund

Dies gehe nicht ungehört an der Institution Kirche vorbei. „Es passiert gerade ein Umdenken“, erklärt die Doktorandin. Es gebe beispielsweise extra Gottesdienste für Ausgetretene. Vieles werde digitalisiert. „Krisenzeiten sind bewegte Zeiten und schaffen Veränderungen“, sagt die Mitarbeiterin der Uni Münster. Aus den Daten ihrer Doktorarbeit zu schließen, dass Kirche grundsätzlich an Bedeutung verloren habe, sei nicht korrekt. „Was wir in meiner Doktorarbeit nicht sehen und auch in den Medien nicht so präsent war, ist ihre seelsorgerische Funktion.“

Diese sollte nicht unterschätzt werden, wie Zahlen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zeigen: die Deutschen leiden unter Krisen. Alleine im ersten Pandemie-Jahr stiegen die Fälle von Depressionen und Angststörungen um 25 Prozent.

„Es ist unübersehbar, dass die Bedeutung von Seelsorge in der letzten Zeit zugenommen hat“, bestätigt Dr. Hans Christian Brandy, Landessuperintendent im Sprengel Stade. Die Kirche als Zufluchtsort und Hilfsorganisation hat somit nach wie vor eine gesellschaftliche Relevanz.

Kirchliche Seelsorge sei durch die globalen Krisen von essenzieller Bedeutung, schildert Brandy.

Nachfrage nach Hilfsangeboten so groß wie nie

„Unsere kirchlichen Sozialberatungsstellen und die Schuldnerberatungen haben Nachfragen wie lange nicht, weil nun auch Menschen aus der bisherigen Mittelschicht Hilfe suchen.“ Auch die Mitarbeiter der Telefonseelsorge haben deutlich mehr zu tun. Daniel Tietjen, Leiter der Telefonseelsorge Elbe-Weser, erklärt: „Betroffene schildern am häufigsten Einsamkeit, Ängste, finanzielle Herausforderungen, Gesundheitsprobleme, hier insbesondere das Thema der psychischen Erkrankungen.“ Laut Zahlen der Telefon Seelsorge Deutschland (TSD) gab es im Vergleich zu 2019, also vor der Pandemie, eine Zunahme des E-Mail-Aufkommens von knapp 30 Prozent, beim Chat-Nachrichten waren es sogar über 70 Prozent.

„Gespräche mit anderen über die eigenen Sorgen und Ängste sind für jeden Menschen elementar“, sagt Landessuperintendent Brandy.

Christian Brandy ist Landessuperintendent im Sprengel Stade.

Christian Brandy ist Landessuperintendent im Sprengel Stade.

Foto: Jens Schulze

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