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Was gegen das Innenstadt-Sterben getan werden kann

Große Ketten wie Karstadt und Saturn ziehen sich zurück, der Lockdown beeinträchtigt die restlichen Einzelhandelsgeschäfte: In vielen Innenstädten in Deutschland ist die Lage angespannt – auch in der Seestadt. Der Deutsche Städtetag fordert deswegen Finanzhilfen vom Bund. Experten raten indessen dazu, Innenstädte neu zu konzipieren.

Das Kaufhaus Karstadt in der Bremerhavener Innenstadt ist mittlerweile Geschichte.

Das Kaufhaus Karstadt in der Bremerhavener Innenstadt ist mittlerweile Geschichte.

Foto: Arnd Hartmann

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Der zunehmende Leerstand mache den Städten Sorgen, sagt Städtetagspräsident Burkhard Jung. Traditionsreiche Unternehmen schlössen, Menschen bestellten immer mehr online. Er fordert ein „Förderprogramm Innenstadt“, das der Bund auflegen soll. „Wir stellen uns dabei 500 Millionen Euro jährlich für fünf Jahre vor, um nachhaltig etwas zu erreichen“, erläutert Jung.

Damit solle etwa das vorübergehende Anmieten von leer stehenden Ladenlokalen unterstützt werden. Dann könnten die Städte neue Nutzer finden, die mit ihrem Konzept die Innenstadt belebten, so Jung. Auch der Kauf von städtebaulich relevanten Immobilien, wie etwa ehemaligen Kaufhäusern solle ermöglicht werden.

„Große Kaufhäuser wirken wie aus der Zeit gefallen“

Denn eines scheint klar zu sein: „Die großen Kaufhäuser heute wirken, als wären sie aus der Zeit gefallen“, meint Prof. Dr. Julia Lossau vom Institut für Geographie der Universität Bremen, deren Forschungsbereich Stadtgeografie ist. „Das Kaufhaus hatte Angebote für die breite Masse. Doch inzwischen ist die Gesellschaft diverser geworden, und die Lebensstile haben sich vervielfältigt.“ Die Menschen wollten sich mit dem Konsum spezieller Waren von der Masse abgrenzen.

Nach Meinung der Professorin haben die Innenstädte an Bedeutung verloren: „Es gibt ja andere Möglichkeiten einzukaufen. Warum sollten die Menschen deshalb in die Innenstadt fahren?“, fragt sie und verweist auf den Online-Einkauf und auf große Einkaufszentren am Stadtrand. Neu sei dieser Trend nicht. „Corona hat nur eine Entwicklung beschleunigt, die wir schon seit Längerem beobachten“, sagt Lossau.

Das können Innenstadt gegen das Geschäftesterben tun

Und was können Städte tun? Innenstädte müssten neu gedacht werden, sagt die Professorin. In der Stadt Bremen werde beispielsweise mit Pop-up-Stores für kreative Ideen gearbeitet. „Das kann Einzelhandel sein, muss es aber nicht. In der Innenstadt der Zukunft müssen auch andere Faktoren eine Rolle spielen – weg vom Kaufen“, sagt sie. Dazu gehöre, Aufenthaltsqualität zu genießen, Kultur zu erleben, Zeit zu verbringen, und nicht zuletzt das Wohnen. „Es geht darum, auch jenseits des Einzelhandels Frequenz und Urbanität zu generieren“, rät Lossau. Dabei lohne auch ein Blick in andere Stadtteile, in denen vielleicht „besonders lebenswerte oder spannende Orte entstanden“ seien.

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Finanzspritze für die Bremerhavener City

Auch die Stadt Bremerhaven hat die Zeichen der Zeit erkannt und bereits im vergangenen Jahr Mittel für ein integriertes Innenstadtkonzept beschlossen. Die Folgen der Corona-Krise und der mit dem Online-Geschäft verbundene Strukturwandel im Einzelhandel erforderten nunmehr eine Anpassung der Stadtstruktur, der Wohnangebote und vieler sozialer und kultureller Angebote, hieß es damals vonseiten des Magistrats.

Der Mix macht die Sache

Das Konzept legte dar, dass die Innenstadt in fünf Quartiere aufgegliedert werden kann – für Gesundheit, Shopping, Gastro und Freizeit, Wissen sowie Hafen und Naherholung. „Wir benötigen neben einem qualitativ hochwertigen Mix an Einzelhandelsgeschäften bessere Aufenthaltsqualität mit attraktiven Veranstaltungen und interessanten gastronomischen Angeboten. Darüber hinaus kommt es darauf an, Wohnen in der Innenstadt zu fördern ebenso wie zusätzliche Arbeitsplätze im Dienstleistungsbereich anzusiedeln“, hatte Oberbürgermeister Melf Grantz (SPD) im Dezember im Interview mit NORD|ERLESEN gesagt. Die Innenstadt müsse vielfältiger werden.

Christoph Bohn

stellv. Redaktionsleiter SONNTAGSjOURNAL

Christoph Bohn (Jahrgang 1968) ist in Bremerhaven geboren und im Cuxland aufgewachsen. Er hat in Bremen Wirtschaftswissenschaft und Politik studiert und ist Diplom-Ökonom. Nachdem er zweieinhalb Jahre als Controller beim Hanstadt Bremischen Hafenamt gearbeitet und nebenbei schon frei als  Journalist für die NORDSEE-ZEITUNG gearbeitet hatte, entschloss er sich zu einem Volontariat (1998-2000). Danach fing er als Redakteur beim SONNTAGSjOURNAL an (Schwerpunkte: Wirtschaft und Landkreis Cuxhaven).

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