Bremerhaven

Ein Podcast aus Bremerhaven weckt Gefühle zwischen Fremden

Normalerweise braucht es lange, bis man sich einem Menschen wirklich anvertraut. Doch in dem preisgekrönten Podcast von Ann-Kristin Hitzemann aus Bremerhaven entstehen sofort echte Gefühle zwischen zwei Fremden - und Gänsehaut bei den Zuhörern.

Die erste Folge des preisgekrönten Podcasts von Ann-Kristin Hitzemann aus Bremerhaven ist erschienen. Hier können Sie reinhören.

Die erste Folge des preisgekrönten Podcasts von Ann-Kristin Hitzemann aus Bremerhaven ist erschienen. Hier können Sie reinhören.

Foto: Radio Bremen /Josephine Gotzes

Was passiert, wenn zwei Fremde aufeinandertreffen und ihr Leben voreinander ausbreiten? Was, wenn sie den Smalltalk überspringen und sich direkt den Grundsatzthemen des Lebens stellen? Diesen Fragen geht Ann-Kristin Hitzemann aus Bremerhaven in ihrem neuen Podcast „Deep Dialog“ nach.

Das Konzept ist einfach, aber wirkungsvoll: Zwei Menschen aus Bremerhaven sprechen miteinander, ohne sich zu sehen. Sie kennen sich nicht und auf den ersten Blick kommen sie aus ganz verschiedenen Welten.

Die Mediengestalterin Ann-Kristin Hitzemann ist Gewinnerin der ARD Kultur Creators für Radio Bremen und hatte die Idee zu „Deep Dialog“.

Die Mediengestalterin Ann-Kristin Hitzemann ist Gewinnerin der ARD Kultur Creators für Radio Bremen und hatte die Idee zu „Deep Dialog“.

Foto: Radio Bremen /Josephine Gotzes

Mit dabei sind auch bekanntere Persönlichkeiten wie die Autorin Jennifer Wrona, die Politikerin Wiebke Winter, der Hafenarbeiter und YouTuber Mark Banez sowie Musical-Darsteller Hans Neblung. Sie treffen sich in einer Altbauwohnung in der „Alten Bürger“ - der Kultur- und Kneipenmeile von Bremerhaven. Getrennt sind sie durch eine Schiebetür, verbunden mit einem Kopfhörer. Vor ihnen steht ein Glas mit Zetteln, auf denen Fragen stehen:

Was verbirgst du vor anderen? Wie fühlt sich Liebe für dich an? Wo holst du dir Bestätigung? Wie riecht Heimat für dich? Was hat dich in deinem Leben schon verletzt? Welches sind Gründe, warum Menschen auf dich neidisch sein könnten?

Was passiert, wenn Unbekannte sich intime Fragen stellen?

Wenn sich zwei Unbekannte so intime Fragen stellen, können sie keine Fremden bleiben. „Wenn man miteinander spricht, findet man immer etwas, das einen vereint“, stellt Ann-Kristin Hitzemann fest. Diese simple Wahrheit wird für die Podcast-Gäste und die Zuhörer spürbar. „Es gab sehr berührende Momente während der Gespräche. Jedes Paar hat eine ganz eigene Beziehung zueinander aufgebaut“, beschreibt sie die Podcast-Aufnahmen.

Trailer: Deep Dialog
Der Podcast „Deep Dialog“ von Ann-Kristin Hitzemann aus Bremerhaven hat den Wettbewerb ARD Kultur Creators gewonnen. Jetzt ist die erste Folge erschienen.

Ann-Kristin Hitzemann zählt zu den kreativen Köpfen der Stadt. Eigentlich ist die 33-Jährige Mediengestalterin, aber sie engagiert sich seit rund vier Jahren auch für die Initiative Kreativer Aufbruch Bremerhaven (kab) und hat unter anderem das Musik-Event „EDM meets classic“ auf dem Atlantic Hotel Sail City mitorganisiert. Doch dass sie eines Tages mit einer Podcast-Idee einen Wettbewerb gewinnen würde, hätte sie nicht gedacht.

„Ich hab den Aufruf für den Wettbewerb ARD Kultur Creators auf Instagram gesehen und fand das Thema interessant: Es sollte um Verbundenheit gehen“, erzählt sie. „Als ich dann auf die Idee mit dem Podcast gekommen bin, habe ich mich einfach beworben - aber ich glaube, ich habe noch nie eine so schlechte Bewerbung eingereicht“, sagt sie lachend. Trotzdem überzeugte ihre Idee die Jury und Ann-Kristin Hitzemann bekam die Chance, den Podcast zum Leben zu erwecken.

Die Schiebetür öffnet sich ...

Das war vor knapp einem halben Jahr - jetzt ist die erste von fünf Folgen erschienen. Zum Podcast-Auftakt trifft die junge CDU-Politikerin Wiebke Winter auf Alfonso, einen Medizintechnik-Studenten mit südamerikanischen Wurzeln. Was verbindet das ungleiche Paar miteinander? „Bei den beiden war es das Verständnis von Liebe - Liebe als eine Art unaussprechliche Ehrlichkeit“, fasst Ann-Kristin Hitzemann das Gespräch zusammen.

Und was passiert, wenn sich die Schiebetür zwischen den beiden Unbekannten öffnet? „Das war ganz unterschiedlich. Aber viele hatten das Gefühl, sich schon zu kennen und haben dann einfach weitergequatscht. Manche konnte man gar nicht mehr trennen. Und andere haben dann einfach die Smalltalk-Fragen nachgeholt, die sie vorher übersprungen haben“, erzählt sie.

Die Folgen von „Deep Dialog“ werden ab dem 10. 11. wöchentlich in der ARD Audiothek veröffentlicht.

Hier können Sie direkt die erste Folge hören ...

Alle Folgen auf einen Blick

FOLGE 1 Wiebke und Alfonso: Über Heimat und Privatsphäre (10. 11.)

Ein Podcast aus Bremerhaven weckt Gefühle zwischen Fremden

Foto: Radio Bremen /Josephine Gotzes

Wiebke ist eine öffentliche Person: Ihr Gesicht ist auf Wahlplakate gedruckt, auf Instagram folgen ihr über 10.000 Menschen. Für Alfonso ist Privatsphäre das höchste Gut. Während seine Familie aus einem kleinen Land in Südamerika kommt, fühlt sich Wiebke zwischen den saftigen Wiesen Bremen und Niedersachsens zu Hause. Warum Wiebke beim Nachdenken über den Duft der Heimat an Aufback-Brötchen denkt und Alfonso an verbranntes Holz und wie sich Liebe für sie anfühlt, erzählen sie sich im Podcast.

FOLGE 2: Jacqui und Hans: Über Coming out und Coming home (17. 11.)

Ein Podcast aus Bremerhaven weckt Gefühle zwischen Fremden

Foto: Radio Bremen /Josephine Gotzes

Hans ist auf den Bühnen von Wien bis nach Bremerhaven zu Hause. Richtig mutig musste er bereits mit 19 Jahren sein, als er sein Coming-out hatte. Zu einer Zeit, in der Homosexualität in Deutschland noch strafbar ist. Er trifft auf Jacqui, die von Südafrika nach Bremerhaven gekommen ist. Sie erzählt, dass sie aus einer Familie von starken Frauen kommt, die ihr Leben lang gekämpft haben. Im Deeptalk mit Hans merkt sie, wie verletzlich wir alle sind – und dass sie mehr gemeinsam haben als gedacht.

FOLGE 3: Ann-Kathrin und Simon: Über Kunst und Krisen (24. 11.)

Ein Podcast aus Bremerhaven weckt Gefühle zwischen Fremden

Foto: Radio Bremen /Josephine Gotzes

Ann-Kathrin lebt für den zeitgenössischen Tanz. In dieser Folge erzählt sie, warum das Tanzen ihr geholfen hat, Krisen zu überwinden. Tanz ist für sie Heimat und Antrieb, während die Schule ihr lange schwergefallen ist. Erst durch den Tanz hat sie wieder zu sich zurückgefunden und gemerkt: Sie ist okay so, wie sie ist. In „Deep Dialog“ trifft sie auf den Musiker Simon, der sein Geburtsland England verlassen hat. Warum der Brexit ihn so erschüttert hat und warum er froh ist, mal nicht über seine Blindheit sprechen zu müssen, erzählt er Ann-Kathrin in dieser Folge.

FOLGE 4: Anja und Swantje: Zwischen Muttersein und eigenem Wachstum (1. 12.)

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Foto: Radio Bremen /Josephine Gotzes

30 Jahre trennen Anja und Swantje. Während Anja zurückblickt auf das Mutterwerden, erzählt Swantje von ihrem eigenen Wachsen. Anja hat Hochs und Tiefs erlebt und ist jetzt da angekommen, wo sie sich wohlfühlt. Als sie Mutter geworden ist, hat Anja zum ersten Mal gefühlt, dass es etwas gibt, was wichtiger ist als alles andere. Swantje steht an einem ganz anderen Punkt im Leben, hat erkannt, dass Schule nicht glücklich macht und dass es auch okay ist, Dinge abzubrechen. Swantje ist gewachsen – in der Bewegung mit anderen Menschen und bei ihrer freiwilligen Arbeit, bei der sie Kulturevents auf die Beine stellt.

FOLGE 5: Jennifer und Mark: Über das Glück, zu weinen und zu wachsen (8. 12.)

Ein Podcast aus Bremerhaven weckt Gefühle zwischen Fremden

Foto: Radio Bremen /Josephine Gotzes


Im normalen Alltag wären sich Jennifer und Mark wahrscheinlich nicht begegnet: Mark arbeitet als Fahrer im Containerhafen und Jennifer ist Grafikdesignerin und schreibt über psychische Gesundheit. In dieser Folge stellen sich die beiden ihren Ängsten: Mark erzählt von einer Krise, die er nur überwunden hat, weil Freunde da waren. Und von seiner Vaterrolle als Alleinerziehender. Von Jennifer lernt er, dass Weinen auch mal okay sein kann. Wie sich Liebe für die beiden anfühlt und warum Heimat mal nach Brezeln und mal nach asiatischem Essen riecht, erzählen sich die beiden in dieser Folge.

Einige dieser Bremerhavener Persönlichkeiten haben wir bei nordsee-zeitung.de bereits vorgestellt. Hans Neblung spielt beispielsweise den Dumbledore im Harry-Potter-Theaterstück in Hamburg. Jennifer Wrona hat ein Buch über ihre Borderline-Störung geschrieben. Und Hafenarbeiter Mark Banez dreht mit einem Kumpel kreative YouTube-Videos.

Hier lesen Sie ihre Geschichten ...

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NORD|ERLESEN

Borderline-Störung: Jennifer ist kein manipulatives Monster

Luise Maria Langen

Reporterin

Luise Langen arbeitet seit 2020 als Reporterin für die NORDSEE-ZEITUNG. Von guten Geschichten war die gebürtige Berlinerin aber schon immer begeistert – auch während ihres Germanistik-Studiums in Österreich und der Zeit als Regieassistentin am Stadttheater Bremerhaven.

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