Bremerhaven

Hat Ekaterinas kleine Tochter ihre ermordete Mutter gesehen? (mit Audio)

Im Mordprozess Ekaterina B. hat eine Psychologin von einem fürchterlichen Verdacht berichtet: Die kleine Tochter könnte ihre tote Mutter gesehen und auch mitbekommen haben, wie ihr Leichnam zerteilt wurde. Die Sechsjährige hat etwas erzählt.

Ein Mikrofon auf einem Tisch

Nachdem der Koffer mit den Leichenteilen von Ekaterina B. am Deich gefunden wurde, legten viele Bremerhavener dort Blumen nieder und zündeten Kerzen an.

Foto: Masorat

Die Psychologin ist Mitarbeiterin des Jugendamtes und dort seit sechs Jahren zuständig für Vormundschaften. „Ich habe 58 Kinder“, sagt sie. Das Geschäftszimmer für die Amtsvormundschaften verwalte 400 Kinder in der Stadt.

Ekaterina B. und deren Familie habe sie im vergangenen Jahr in einer „sehr bedrückenden Situation“ kennengelernt. Es ging darum, das Mädchen aus der Familie zu holen und in einem Kinderheim unterzubringen.

Die damals noch Fünfjährige habe da bei der Großmutter gelebt, weil es zu Hause zu viel Streit gegeben hatte, die Mutter ins Frauenhaus gegangen war. Auch die Familienhilfe war eingeschaltet und der soziale Dienst, „wir hatten ein Komplett-Paket“ geschnürt.

Ekaterina B. habe der Inobhutnahme durch das Jugendamt zugestimmt, ihr Mann und die Schwiegermutter nicht, erinnert sich die Zeugin.

Mordprozess Ekaterina B.: NZ-Chefreporter berichtet vom 12. Prozesstag

Vor dem Landgericht Bremen ist der Prozess im Fall Ekaterina B. fortgesetzt worden. Am zwölften Prozesstag ging es um das Kind von Ekaterina und ihrem angeklagten Ehemann. Unser Chefreporter berichtet.

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Mit dem Ergebnis, dass sich beide Elternteile um ihr Kind kümmern sollten - ein paar Tage blieb es beim Vater, ein paar Tage bei der Mutter im Frauenhaus. Immer abwechselnd und mit der Auflage versehen: Das Mädchen muss einen Kindergarten besuchen, um Deutsch zu lernen. Und nach ein paar Wochen sei die Familie dann doch wieder komplett gewesen im Wohnhaus in Wulsdorf.

So schildert die Psychologin die Familie B.

Die Familie B. habe sie wie kaum eine zweite erlebt in ihrer beruflichen Laufbahn, sagt die Psychologin. Der Vater habe permanent „unter Strom gestanden“, sei unruhig gewesen, habe in Gesprächen nie ein Ende gefunden. „Es war anstrengend.“

Zu den Treffen habe den 46-Jährigen häufig seine Mutter begleitet. „Ich hatte ihm empfohlen, einen Psychiater aufzusuchen.“

Zwischen Mutter und Sohn machte sie einen starken Zusammenhalt aus, aber auch Zwietracht. „Wirklich einig waren sie sich nicht.“

Sein Verhalten ihr selbst gegenüber vergleicht die Zeugin mit dem eines Stalkers: „Er hat zehnmal angerufen am Tag.“ Ihr Zeitkontingent für den Fall sei „völlig gesprengt“ worden.

Die Ehe ist laut Psychologin am Ende

Die Psychologin zeichnet das Bild einer zerrütteten Ehe, der sie keine Chance mehr gegeben habe. „Sie hatten sich nichts mehr zu sagen.“

Die Mutter sei liebevoll gewesen zu ihrem Kind, eine junge, kluge und doch naive Frau, die überfordert gewesen sei mit dem Haushalt und dem Alltag. Bus zu fahren, das sei unter ihrer Würde gewesen, auch habe sie nicht einmal gewusst, wie sie Geld abheben könnte vom Konto. „Am liebsten wäre sie mit ihrer Tochter nach Russland zurückgekehrt“, sagt die Psychologin.

Der Ehemann hätte das nicht genehmigt. Er habe die Kleine mit seinen Verlustängsten in ihrer Entwicklung gehemmt. „Sie konnte keinen Schritt ohne ihn machen“, sagt die Frau. Bei ihrem ersten Besuch habe er das Kind nicht von seinen Schoß gelassen. Er habe nachts sogar bei seiner Tochter im Bett geschlafen.

„Er hat sich als den bestmöglichen Vater wahrgenommen“, lautet ihre Einschätzung, und sie spricht von einem „psychischen Missbrauch“ des Kindes.

„Er war weitaus ruhiger, als seine Frau weg war“

Aus der Familie genommen wurde das Mädchen erst, als Ekaterina B. im Februar fast schon eine Woche verschwunden war und ihr Ehemann ein erstes Mal festgenommen wurde. „Er war weitaus ruhiger, als seine Frau weg war.“

Das Kind vorher abzuholen, dafür habe sie keinen Anlass gesehen, sagt sie. „Die Oma war da, das Kind war in der Kita“, und sie habe es auch für möglich gehalten, dass Ekaterina doch jemanden kennengelernt und eine Auszeit genommen habe.

Aber Gutachter arbeiteten zu dem Zeitpunkt bereits an ihrer Expertise, ob Mutter und Vater überhaupt fähig seien, ein Kind zu erziehen. Ohne ein solches Gutachten dürfe kein Richter ein Kind aus einer Familie herausholen.

Seit dem Sommer lebe das Mädchen nun in einer „Kleinsteinrichtung“ in Norddeutschland mit vier weiteren Kindern, die alle betreut werden von traumageschultem Personal.

„Das Kind entwickelt sich super“, die Psychologin ist längst ihr Vormund. Die Sechsjährige sei fröhlich, fit und pfiffig - und wollte auch den Vater sehen. „Da, wo Papa ist, gibt es kein Spielzeug“, habe sie zunächst gesagt.

Erst am Montag habe sie das Mädchen erneut besucht und erzählt, warum ihr Vater sie nicht besuchen könne: Weil die Polizei glaubt, dass er ihre Mutter umgebracht habe.

Die Sechsjährige habe sehr gelassen reagiert. „Sie wusste, dass ihre Mutter getötet wurde“, sagt die Frau. Sie könne sich nicht erklären, woher das Kind das erfahren habe. Im Kindergarten vielleicht, den sie noch bis zum Sommer in Bremerhaven besucht hatte? „Wir hatten sie medial abgeschottet.“

Einem ihrer Betreuer hatte die Sechsjährige kürzlich „ihr Geheimnis“ erzählt von abgetrennten Händen, dem Hals, dabei habe sie ihren Vater belastet. „Mama ist Müll.“ „Wir haben den Verdacht, dass sie ihre tote Mutter gesehen hat“, sagt ihr Vormund.

Das Mädchen soll nun noch einmal befragt werden - vermutlich von der Kriminalpolizei. Eine Beamtin dort sei sehr talentiert dafür, so die Psychologin.

Die NORDSEE-ZEITUNG berichtet kontinuierlich über den Fall Ekaterina B. Hier finden Sie eine Chronologie der bisherigen Ereignisse:

Der Prozess

Zwölfter Prozesstag: Musste die sechsjährige Tochter von Ekaterina B. zusehen, wie ihre Mutter getötet und zerstückelt wurde? Aussagen der Psychologin, die gleichzeitig die Vormundschaft für die Tochter hat, könnten darauf hindeuten.

Elfter Prozesstag:
Ein Freund der Familie B. hat ausgesagt, schilderte seinen Eindruck vom Angeklagten und seiner Mutter.
Dabei ging er wieder zum „Sie“ über und distanzierte sich merklich.

Zehnter Prozesstag:
Der Leichnam von Ekaterina B. ist „sehr professionell“ zerlegt worden - sagte ein Rechtsmediziner aus. Aber trotzdem wundert er sich über drei Verletzungen, für die er keine Erklärung hat.

Im Zuge des Gutachtens wurden auch Bilder der Leichenteile der Frau gezeigt. Unser Chefreporter Thorsten Brockmann berichtet im Video, wie er den Tag erlebte.

Neunter Prozesstag:
Plötzlich möchte Ekaterinas Schwiegermutter sich nicht mehr zum Mordfall äußern. Doch auch ihr Sohn steht im Fokus: Kommt der Angeklagte nach dem Geständnis seiner Mutter nun frei?

Achter Prozesstag:
Nach dem überraschenden Geständnis der Mutter des Angeklagten, sie getötet zu haben, gab es beim Prozesstag am Dienstag die nächste unerwartete Nachricht: Es gab einen neuen Fund in der Geeste.

Überraschende Wende am siebten Prozesstag:
Die Schwiegermutter gesteht die Tötung von Ekaterina B.

Doch war sie es wirklich? Ihre Schilderung ist verstörend. Und die Frage bleibt: War es so – oder will sie ihren Sohn retten?

Nach ihrem Geständnis wird die Schwiegermutter nicht verhaftet. Doch warum ist das so? Der renommierte Strafverteidiger Alexander Ukat ordnet die Situation ein.

Sechster Prozesstag:
Die Handydaten des angeklagten Ehemanns von Ekaterina B. wurden ausgewertet: Der Ehemann googlete, wie man einen Körper in Säure auflöst.

Doch damit nicht genug: Die Polizei glaubt, auf dem Handy des Mannes noch mehr Indizien dafür gefunden zu haben, dass er der Mörder ist.

Fünfter Prozesstag:
Die Polizei hat über Wochen den Chat von Mordopfer Ekaterina B. mit ihrem Freund in Russland ausgewertet. Daraus geht hervor, wie es Ekaterina in den Stunden vor ihrem Tod ging.

Der mutmaßliche Mörder von Ekaterina B. bekommt regelmäßig Besuch im Gefängnis: von seiner Mutter. Auch davor hatten die beiden ein gutes Verhältnis und sie unterhielten sich oft über Ekaterina. „Tu ihr nichts“, warnte ihn seine Mutter.

Vierter Prozesstag:
Als Ekaterina B. verschwunden war, da sei ihr Ehemann „einfach ein bisschen zu gleichgültig“ gewesen. Das hat eine Familienhelferin stutzig werden lassen. Ihre Aussage war es, die die Polizei zur Überzeugung gelangen ließ: Da stimmt was nicht.

Als Ekaterina nicht ans Telefon ging und nicht auf Nachrichten reagierte, da schöpfte ihre Familienhelferin schnell Verdacht. Denn die Frauen teilten ein Geheimnis.

Dritter Prozesstag:
Im Mittelpunkt stand erneut die Befragung ihres damals 45-jährigen Ehemanns durch die Polizei. Wurde Ekaterina wegen einer Affäre mit einem Piloten ermordet?

Der Angeklagte stellte während des Verhandlungstages seine Ehe dar. Unser Chefreporter Thorsten Brockmann fasst die Geschehnisse die Ereignisse in diesem Video für Sie zusammen.

Zweiter Prozesstag: Die Kriminalpolizei hatte die Vernehmung des Mannes am 11. Februar aufgenommen. Nun mussten die Prozessbeteiligten das mehrstündige Video ertragen.

Seit seiner Festnahme soll der 46-Jährige nichts zu den Vorwürfen gesagt haben. Einen Monat davor war das noch anders, wie das Video beweist.

Die Videoaufzeichnung vermittelt ein seltsames Bild von den letzten Stunden im Leben von Ekaterina B..

Erster Prozesstag: Im Landgericht Bremen beginnt der Prozess. Am ersten Tag wurde die Anklage verlesen.

Dem Ehemann der 32-Jährigen wird vor Gericht vorgeworfen, seine Frau ermordet zu haben. Vor dem Prozessauftakt kommen schreckliche Details ans Licht.

Die Vorgeschichte

Seit dem 4. Februar 2022 gilt Ekaterina offiziell als vermisst. Zwei Wochen später sucht die Polizei mit Spürhunden nach der 32-Jährigen. Auch eine private Initiative mit bis zu 400 Freiwilligen hilft bei der Suche. Der Fall erregt immer mehr Aufmerksamkeit.

Zahlreiche Freiwillige machen sich erneut auf die Suche nach der vermissten Mutter aus Bremerhaven. Vergeblich - nach etwa drei Stunden wird die Aktion abgebrochen.

Noch immer fehlt von Ekaterina jede Spur. Die Polizei sucht in Hundertschaft verstärkt im Waldboden, doch sie findet wieder nichts.

Der Fall Ekaterina B. erreicht nun auch das Fernsehen. In der Sendung „Aktenzeichen xy - ungelöst“ nehmen Ermittler Hinweise der Bevölkerung auf.

Traurige Neuigkeiten bringen Licht ins Dunkel. Am Weserdeich wird ein schwarzer Reisekoffer angespült. Darin befindet sich die Leiche von Ekaterina B. Ihr Ehemann wird verdächtigt, sie getötet und zerstückelt zu haben.

Viele Menschen kommen an den Weserdeich, um ihre Anteilnahme zu zeigen. Kerzen und Blumen schmücken die Stelle, an die der Koffer angespült wurde.

Ekaterina B. hinterlässt eine fünf Jahre alte Tochter. Ihre Großmutter aus Russland möchte das Kind zu sich nehmen. Ihr Ehemann schweigt weiterhin.

Drei Monate nach ihrem Tod streiten sich die Angehörigen von Ekaterina und das Jugendamt Bremerhaven um das Sorgerecht ihrer fünfjährigen Tochter. Die Behörden wollen, dass das Kind in Bremerhaven bleibt.

Die Ermittlungen sind beendet, die Staatsanwaltschaft hat Klage eingereicht. Dem Ehemann wird vorgeworfen, die 32-Jährige getötet zu haben.

Ekaterinas Mutter Svetlana Bolgova reist nach Bremerhaven, um ihr Enkelkind zu sehen. Sie kämpft weiter um das Sorgerecht des fünf Jahre alten Kindes.

Thorsten Brockmann

Chefreporter

Thorsten Brockmann ist gebürtig in Bremerhaven. Bei der NORDSEE-ZEITUNG arbeitet er seit 1989. Seine Themen: Kreuzfahrt, Wirtschaft und die Polizei.

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