Nordenham

Literarische Selbstfindungsreise aus Sicht eines Dackels

Die gebürtige Wesermärschlerin Antje Paradies hat ihren ersten Roman veröffentlicht: „Logbuch eines Dackels“. Und genau darum geht es, denn Protagonist ist ein Dackel. Das Schreiben hat der Autorin durch eine persönliche Krise geholfen.

Antje Paradies hat ihren ersten Roman veröffentlicht. Der Star darin ist Dackel Jussi, der lebt in Kirchhammelwarden bei ihren Eltern.

Antje Paradies hat ihren ersten Roman veröffentlicht. Der Star darin ist Dackel Jussi, der lebt in Kirchhammelwarden bei ihren Eltern.

Foto: Sarah Schubert

Frei nach Schnauze beschreibt es wohl am besten. Denn im Debüt-Roman der gebürtigen Wesermärschlerin Antje Paradies erzählt der Protagonist Raffi mit charmant spitzer Zunge und norddeutschem Dialekt. Und so ganz nebenbei ist er auch noch ein Hund. „Logbuch eines Dackels“ heißt das im Juni erschienene Werk. Und das ist eine Achterbahn der Gefühle. Zwischen spannenden Abenteuern, einer wachsenden Freundschaft und der Selbstfindung zieht sich auch das Thema Trauma wie ein roter Faden durch die 240 Seiten. Dabei wirft Raffi stets einen scharfsinnigen Blick auf die Geschehnisse.

Jede Menge Abenteuer

Dass er zum Co-Pilot einer Reise wird, kommt für die häusliche Fellnase überraschend. Mitten in der Nacht wird er gepackt und findet sich in einem VW Bus wieder. Die jüngste Tochter seines Herrchens, seine schrille „Tante“, muss raus, nach einem traumatischen Erlebnis will sie dem Alltag entfliehen. Drei Monate lang verschlägt es sie in verschiedene europäische Länder. Und jedes hält ein anderes Abenteuer für sie und ihren flauschigen Begleiter bereit. Kurzerhand entscheidet sich der vierbeinige Protagonist dazu, die gemeinsame Zeit in einem Logbuch festzuhalten. Und darin gibt einiges zu berichten.

Inspirationsquelle lebt in Kirchhammelwarden

Raffi heißt im echten Leben Jussi und lebt in Kirchhammelwarden bei den Eltern von Antje Paradies. Auch zwischen der Autorin und der schrillen „Tante“ gibt es viele Parallelen. „Wie beispielsweise die Korkenzieherlocken“, sagt Antje Paradies und lacht. „Die Reiseziele sind auch alle echt, die habe ich allerdings in 30 Jahren und nicht in drei Monaten gesehen“, sagt Antje Paradies. Sogar manches Abenteuer ist ihr ähnlich wie im Buch passiert. „Und genau wie ich landet die Protagonistin am Ende in Bremen“, sagt die 45-Jährige, die in Nordenham geboren, in Stadland und Brake aufgewachsen und derzeit in Bremen sesshaft ist.

Schreiben als Flucht aus der Krise genutzt

Das Buch zu schreiben, hat einige Jahre gedauert. „2018 habe ich angefangen“, erinnert sich Antje Paradies. Schon vorab habe sie immer wieder Ideen für ein Buch gehabt, aber es sei nie die Richtige dabei gewesen. Die kam ihr in einer der dunkelsten Zeiten ihres Lebens. „Ich war viel Zuhause, es ging mir überhaupt nicht gut und eigentlich wollte ich nur aus meinem Leben fliehen“, sagt Antje Paradies. Nach und nach habe sich die Buchidee von einem Roadtrip mit Dackel entwickelt. „Mein Geist hat nach dieser Reise verlangt, meine Seele wollte wandern“, so Antje Paradies. Das Schreiben sei wie eine Therapie gewesen. „Ich bin eine echte Wasserratte, deshalb sind auch so viele Reiseziele am Meer, das ist einfach meine Medizin“, sagt Antje Paradies.

Der Debüt-Roman von Antje Paradies wird aus der Sicht eines Dackels erzählt.

Der Debüt-Roman von Antje Paradies wird aus der Sicht eines Dackels erzählt.

Foto: Verlag

Auch ernstere Töne im Buch

Das Buch ist humorvoll und lebendig geschrieben. Unter anderem gibt Raffi darin preis, dass Dackel die Welt des Menschen infiltrieren und heimlich als Ghostwriter arbeiten. Da stellt sich unweigerlich die Frage, ob das als Geheimbotschaft zu verstehen ist und nicht doch am Ende Jussi das Buch geschrieben hat. Den einen oder anderen verdächtigen Blick hat er unserer Redakteurin während des Gespräches mit Antje Paradies jedenfalls zugeworfen. Aber Spaß beiseite, denn auch der Roman schlägt durchaus ernstere Töne an. Das Trauma der „Tante“ spielt in der Geschichte eben auch eine entscheidende Rolle.

„Das Buch ist ein Seelenwärmer“

Düster ist der Roman insgesamt aber trotzdem nicht. „Das Buch ist sehr aufbauend, hat ein gutes Ende und liefert so ganz nebenbei den einen oder anderen Tipp zum Umgang mit einem Trauma“, sagt Antje Paradies. Die Frage danach, welches Trauma die „Tante“ im Buch durchleben musste, verliert sogar mit jedem Kapitel mehr an Bedeutung. Und eine Auflösung gibt es nicht. Viel wichtiger wird ihre Entwicklung, die Reise zu sich selbst. „Das Buch ist ein Seelenwärmer“, so Antje Paradies.

Vorher als Ghostwriterin gearbeitet

Erschienen ist das Werk im Bremer Kellner Verlag. „Das war der erste Verlag, den ich angesprochen habe und die wollten es sofort“, sagt Antje Paradies. Zu einem Verlag zu gehen, hat die 45-Jährige viel Überwindung gekostet. Immerhin steckt viel Persönliches in dem Roman. „Die Zusage hatte ich schon vor einem Jahr und habe mich dann doch nicht getraut“, so Antje Paradies. Ein Jahr später hat sie nun den Schritt gewagt. Besonders mit Hinblick auf den Ukraine-Krieg. „Gerade jetzt passt das Thema Traumabewältigung“, sagt sie. Werke der gebürtigen Wesermärschlerin wurden schon vorher veröffentlicht. Allerdings als Ghostwriterin. „Das ist nun das erste Buch unter meinem Namen“, sagt sie. Und genau das wird nun wenige Monate nach Erstveröffentlichung in zweiter Auflage produziert. Anfragen für Lesungen gibt es auch jede Menge. Darüber freut sich mit Sicherheit auch Jussi, ob als Inspirationsquelle - oder vielleicht doch als Ghostwriter.

Sarah Schubert

Reporterin

Sarah Schubert, Jahrgang 1992, ist in Nordenham geboren und aufgewachsen. Sie ist studierte Übersetzerin, entdeckte jedoch während eines Praktikums den Lokaljournalismus für sich. Seit November 2021 arbeitet sie als rasende Reporterin in der Wesermarsch.

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