Bremerhaven

Psychische Erkrankungen: Bremerhavener Arzt schlägt Alarm

Die Arztpraxen sind wieder voller. Der Bremerhavener Allgemeinmediziner Dr. Wolfgang Woynar schlägt Alarm: Vor allem die Arbeitsunfähigkeit wegen psychischer Erkrankungen nehmen zu, so der Mediziner mit der Praxis in der Nordstraße.

Allgemeinmediziner in Bremerhaven: Dr. Wolfgang Woynar. Foto: Hartmann

Allgemeinmediziner in Bremerhaven: Dr. Wolfgang Woynar. Foto: Hartmann

Foto: Arnd Hartmann

Nach teils deutlichen Rückgängen in der Corona-Pandemie sind Patientinnen und Patienten in diesem Jahr wieder häufiger in Arztpraxen gegangen. Diese Erfahrung hat auch der Bremerhavener Allgemeinmediziner Dr. Wolfgang Woynar gemacht.

Derzeit sprechen viele über Atemwegserkrankungen, doch Woynar möchte den Blick auf einen anderen Punkt lenken. „Sorgen bereitet mir vor allem die starke Zunahme von Arbeitsunfähigkeit aufgrund psychischer Erkrankungen“, berichtet Woynar. Es gelinge immer weniger gut, die Menschen im Arbeitsleben zu halten. Warum es zu diesem Anstieg komme - Depressionen, Ängste, posttraumatische Belastungsstörungen, Anpassungsstörungen - lasse sich nicht mit letzter Klarheit sagen, so Woynar. Laut dem Mediziner mit der Praxis in der Nordstraße in Lehe könnten Ursachen in der Arbeitswelt zu suchen sein, wo Arbeitnehmer trotz Fachkräftemangels immer weniger Wertschätzung bei zunehmender Hektik erführen.

Abfolge ungewöhnlich vieler Krisen

Möglich sei auch, dass die äußeren Rahmenbedingungen die Menschen belasten, ausgelöst durch die Abfolge vieler Krisen wie Pandemie, Ukraine, Migration, Inflation und Klima - dazu komme eine zunehmende Entsolidarisierung der Gesellschaft. Denkbar sei aber auch, dass die Menschen insgesamt etwas weniger gut mit Widerständen im Leben umgehen könnten als in den Generationen zuvor. „Schablonenartige Antworten helfen wenig, Schuldzuweisungen bringen uns nicht weiter“, findet Woynar. Ein Problem sei, dass bei „bestimmten psychischen Störungen die Abgrenzung zwischen therapiepflichtiger ‚Krankheit‘ und ‚selbstheilender‘ psychischer Störung besonders schwierig sei. Vor allem bei solchen Leiden, die sich in Form von Sorgen, Ängsten und ähnlichen Beeinträchtigungen des Befindens äußern“, so Woynar.

Hausärzte mit „neuen“ Krankheitsbildern konfrontiert

Hausärzte hätten es auch immer häufiger mit „neuen“ Krankheitsbildern zu tun. Vor Herausforderungen stehe man als Hausarzt bei der Post-Covid-Diagnose. „Eine eindeutige Diagnose ohne jeden Zweifel zu stellen, ist bei Post-Covid im Einzelfall schwierig“, macht Woynar deutlich. Derzeit besteht ein großer Spielraum bei der Interpretation. Die Antwort auf die Frage, welche Rolle die Corona-Pandemie für die Zunahme aufgrund von psychischen Erkrankungen gespielt habe, sei dabei noch nicht vollends geklärt. „Niemals in den vergangenen Jahrzehnten war es so schwierig, die individuelle klinische Erfahrung, den jeweils aktuellen Stand der Forschung und die Werte und Wünsche der Patienten in Einklang zu bringen“, berichtet Woynar.

Jens Gehrke

Reporter

Jens Gehrke wurde in Bremerhaven geboren und ist seit 2011 im Verlag. Der Reporter, Jahrgang 1984,  fühlt sich im Cuxland genauso zu Hause wie in der Seestadt. Der Schwerpunkt liegt auf der Politik-Berichterstattung. Privat interessiert ihn vor allem der Sport.

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