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FIFA setzt Teams unter Druck, Neuer ohne „One Love“-Binde

Die mehrfarbige „One Love“-Kapitänsbinde für mehrere europäische Nationen bleibt ein WM-Streitthema. Wegen angedrohter Sanktionen verzichten auch der DFB und Kapitän Manuel Neuer vorerst.

DFB-Kapitän Manuel Neuer wird die Kapitänsbinde mit der Aufschrift "One Love" zum WM-Auftakt nicht tragen.

DFB-Kapitän Manuel Neuer wird die Kapitänsbinde mit der Aufschrift "One Love" zum WM-Auftakt nicht tragen.

Foto: picture alliance/dpa

Es ist nur ein Stück Stoff, doch am Montag wurde die „One-Love-Binde“ endgültig zum Politikum. Obwohl der DFB sich zuvor klar positioniert hatte und sich bereit zeigte, auch angedrohte Strafen in Kauf zu nehmen, beugte sich der Verband gestern der FIFA. Manuel Neuer wird die Binde am Mittwoch beim Spiel gegen Japan nicht tragen. DFB-Präsident Bernd Neuendorf und Sportdirektor Oliver Bierhoff machten deutlich, dass sie die Entscheidung der FIFA als eine Machtdemonstration sehen, weil die FIFA deutliche Drohungen ausgesprochen habe. „Das Verbot der Binde ist ein weiterer Tiefschlag in unserem Verhältnis“, sagte der Präsident.

Deutschland und sechs weitere europäische Teams wollten mit einer Kapitänsbinde „One-Love“ ein Zeichen für Diversität und Toleranz setzen und hätten dafür sogar Geldstrafen in Kauf genommen. Doch gestern beugten sich die Verbände dem Diktat der FIFA. Der Weltverband schreibt das Tragen einer eigenen FIFA-Binde vor, auf der Slogans wie „Fußball vereint die Welt“, „Rettet den Planeten“, „Teile das Essen“, aber auch „Keine Diskriminierung“ stehen soll.

„Die FIFA hat sehr deutlich gemacht, dass sie sportliche Sanktionen verhängen wird, wenn unsere Kapitäne die eigenen Armbinden auf dem Spielfeld tragen“ teilten die Verbände von Deutschland, England, Wales, Belgien, Dänemark, der Niederlande und der Schweiz am Mittag mit. „Als nationale Verbände können wir unsere Spieler nicht in eine Situation bringen, in der sie mit sportlichen Sanktionen, einschließlich Platzverweisen, rechnen müssen. Deshalb haben wir die Spielführer gebeten, die Armbinden bei Spielen der WM nicht zu tragen.“

FIFA droht sportliche Sanktionen an

Zuvor hatte die FIFA unmissverständlich erklärt, dass das Tragen der „One Love“-Binde ein Regelbruch sei und auch sportliche Sanktionen möglich seien. Womöglich hätte den Kapitänen gleich zu Beginn des Spiels eine Gelbe Karte gedroht. Inwieweit der streng muslimische WM-Gastgeber Katar in die Entscheidung involviert war, blieb offen.

„Wir waren bereit, Geldstrafen zu zahlen, die normalerweise bei Verstößen gegen die Ausrüstungsvorschriften verhängt würden, und haben uns nachdrücklich für das Tragen der Armbinde eingesetzt. Wir können unsere Spieler jedoch nicht in die Situation bringen, dass sie verwarnt oder sogar gezwungen werden könnten, das Spielfeld zu verlassen“, so das Statement der sieben Verbände. Die Fan-Organisation „Football Supporters Europe“ kritisierte den Vorgang scharf. „Heute empfinden wir Verachtung für eine Organisation, die ihre wahren Werte unter Beweis gestellt hat, indem sie den Spielern die Gelbe Karte und der Toleranz die Rote Karte gezeigt hat“, twitterte „FSE“.

Verhältnis zwischen DFB und FIFA ist gespannt

Wie gespannt das Verhältnis der Europäer zur FIFA ist, wird in der Bewertung des Vorgangs durch Bierhoff deutlich: „Das Verhalten der FIFA ist frustrierend. Diese Eskalation führt dazu, dass es nicht mehr um den Sport geht. Es fühlt sich schon stark nach Zensur an“, wetterte DFB-Direktor. Die Mannschaft werde ihre Unterstützung auf andere Weise zeigen. Wie das aussehen könnte, ließ Bierhoff offen. Er, wie auch Neuendorf, beklagten, dass die FIFA monatelang nicht auf den Antrag der Europäer zum Tragen der Binde reagiert habe, auch beim Länderspiel am vergangenen Mittwoch im Oman habe die FIFA gegen die Binde am Arm von Manuel Neuer nicht reagiert.

Den Verbänden war das Risiko am Ende zu hoch. „Wir wollen nicht, dass der Konflikt, den wir zweifellos haben, auf den Rücken der Spieler ausgetragen wird. Wir stehen zu unseren Werten“, sagte Neuendorf. Bierhoff sagte: „Man kann uns die Binde nehmen, aber nicht unsere Werte.“

Wolfgang Stephan

Wolfgang Stephan

Foto: privat

Kommentar

Von Wolfgang Stephan

Die FIFA hat mit ihrem Verbot der „One Love“-Binde eine Grenze überschritten. Wer das Eintreten gegen Rassismus und Diskriminierung verbietet, demaskiert sich endgültig. Es ist eine Sauerei mehr dieses Weltverbandes mit seinem autokratischen Präsidenten an der Spitze. Sieben europäische Nationen mögen bei 32 Teilnehmern eine Minderheit sein, mit England, Belgien, Deutschland und den Niederlanden sind da aber Schwergewichte des Fußballs im Spiel. Sie haben aus sportlichen Gründen gekuscht. Das war falsch. Einmal Gelb aus politischen Gründen und beim nächsten Foul möglicherweise Gelb-Rot. Das wäre ein sportlicher Nachteil, keine Frage. Jede deshalb verursachte Rote Karte wäre aber auch eine zusätzliche Aufwertung dieser Aktion für Vielfalt und gegen Diskriminierung. Jeder mit Rot vom Platz geschickte Kapitän hätte als Held in den Geschichtsbüchern des Fußballs seinen Platz gefunden.
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Wolfgang Stephan

Autor

Wolfgang Stephan, Jahrgang 1954, geboren in St. Martin/Pfalz ist seit 2001 Chefredakteur im Pressehaus in Stade. Neben dem Redaktions-Management beschäftigt sich der Journalist vor allem mit Themen aus der Politik und Wirtschaft. Und: Seit 2006 ist Wolfgang Stephan als Fußballreporter bei allen großen Turnieren für die Redaktionsgemeinschaft Nordsee dabei.

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