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Frankreich: Wundertüte in der Wüste

Frankreich kämpft in Katar nicht nur gegen den Fluch eines Weltmeisters, sondern Nationaltrainer Didier Deschamps muss ohne die ausgefallenen Leistungsträger auch schnell eine neue Einheit formen. Das wird schwer.

Er trug ein Shirt mit dem blauen Hahn und zwei Sternen. Mal hob er die Augenbrauen, dann legte er die Stirn in Falten. Das eine Mal breitete er die Arme aus, dann verschränkte er sie wieder. Einmal lachte er laut, dann wirkte er wieder ernst. Und ab und zu schwenkte er den Kopf von rechts nach links. Es genügte die Mimik und Gestik von Didier Deschamps im Pressekonferenzraum des Qatar National Convention Center (QNCC), um am Tag vor dem Auftaktspiel des Weltmeisters Frankreich gegen Außenseiter Australien (Dienstag, 22. November, 20 Uhr/ZDF) die Gefühlslage der Grande Nation zu beschreiben. Trauern oder jubeln? Ein Weltmeister tritt als Wundertüte in der Wüste an.

Dreimal scheiterte der Titelverteidiger in der Vorrunde

Und immer noch ist der vor zehn Jahren in einer tiefen Sinnkrise des französischen Fußballs angetretene Fußballlehrer Deschamps ihr Gesicht. Einer mit so viel Lebenserfahrung wie der selbst als Spieler schon Weltmeister gewordene Stratege aus dem Baskenland denkt nicht groß darüber nach, dass zuletzt drei Titelverteidiger in der Vorrunde die Heimreise antraten. Italien 2010, Spanien 2014 und Deutschland 2018. Die entsprechende Frage hatte Deschamps schnell breit grinsend beantwortet: „Wir denken nicht darüber nach, was sein könnte. Es gibt diese Statistik, aber unser Team hat seine eigene Reise vor sich.“ Adieu, les Bleus? Von wegen.

Der Sélectionneur hat seine eigene Art, die große Ansammlung von Unterschiedsspielern zu führen. In den Trainingseinheiten im schmucken Stadion von Al Sadd SC, jenem katarischen Vorzeigeverein, für den schon Romario, Raul und Xavi gegen gutes Geld die Schuhe schnürten, überwachte Deschamps mit Argusaugen selbst einfachste Übungen. Als seine Spieler durch Slalomstangen liefen und den Ball gegen eine Kunststoffwand passten, hielt er diese mit beiden Händen fest. Ein Malheur ist dann trotzdem passiert: In jener Abendeinheit unter Flutlicht zog sich der gerade genesene Karim Benzema jene Oberschenkelblessur zu, die nach Christopher Nkunku, Presnel Kimpembe, Paul Pogba und N'Golo Kante den nächsten Star um das Wüstenturnier bringt.

In Russland steigerte sich Frankreich bis zum Endspiel

Die Mannschaft werde das kompensieren, versicherte Kapitän Hugo Lloris. Der tüchtige Torhüter erscheint immer bei den Pressekonferenzen vor WM-Partien. Seine beruhigende Botschaft: „Wir haben eine Reihe von Spielern verloren, aber wir wollen trotzdem eine positive Dynamik erzeugen.“ Der Gegner aus Down Under könnte ein gutes Omen sein. Die WM 2018 hatte mit einem Arbeitssieg gegen Australien begonnen, dank eines späten Pogba-Kraftaktes siegten die Franzosen damals mit 2:1. Allzu viele Indizien auf die Krönung mit dem Goldpokal lieferte die Equipe Tricolore damals im russischen Kasan noch nicht, steigerte sich dann aber peu à peu.

Und warum soll eine neue Generation mit nun in die Stammelf drängenden Hoffnungsträgern wie Eduardo Camavinga (20 Jahre) oder Aurelien Tchouameni (22) nicht auch einen solchen Lauf erwischen? Die beiden Jungstars von Real Madrid könnten Entdeckungen der WM werden, wenn sie sich nur ein bisschen von der Seriosität der Weltmeister in ihrem Ensemble abschauen. „Wir werden uns mit dieser Mannschaft entwickeln“, hat Lloris noch gesagt.

Frankfurts Kolo Muani nach Ausfällen nachnominiert

Wie groß die schier unerschöpfliche Quelle des französischen Fußballs durch die exzellente Nachwuchsarbeit ist, zeigt das Beispiel Randal Kolo Muani. Der mit Eintracht Frankfurt in der Bundesliga durchgestartete Mittelstürmer wäre wohl längst zum Heilsbringer der deutschen Nationalelf ernannt worden, wenn er statt in Bondy in Berlin geboren worden wäre. Deschamps holte den 23-Jährigen erst nach den Ausfällen dazu. Gegen Australien dürfte der 13 Jahre ältere Olivier Giroud den Vorzug bekommen, der vor allem die Laufwege von Kylian Mbappé besser kennt.

Der auch erst 23 Jahre Weltstar wird nach einer für ihn unbefriedigenden EM im vergangenen Jahr – Mbappé verschoss beim Achtelfinal-Aus gegen die Schweiz den entscheidenden Elfmeter – besonders motiviert sein. „Er ist deutlich reifer geworden. Er spürt mehr Verantwortung auf seinen Schultern und ist ein Teamplayer“, sagte Deschamps, nach dessen Abgang am Montag übrigens mehrere arabische Journalisten nach Selfies verlangten. Der höfliche Deschamps erfüllte die Bitten umgehend, die eigentlich im Medienbereich unüblich sind. Aber auch das ist bei dieser WM offenbar anders. Vielleicht hatte jene Presseleute auch nur Angst, dass der Monsieur die Arabische Halbinsel zu schnell wieder verlässt.

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